Japan: Richtungsweisend

Die Bedingungen sind top: Japan verfügt über eine breit diversifizierte und hoch technisierte Exportindustrie, einen starken Dienstleistungssektor und ein hohes Ausbildungsniveau der Arbeitnehmer. Dennoch konnten in den vergangenen Jahren Meldungen aus Japan nur selten Begeisterungsstürme an den internationalen Finanzmärkten entfachen. Grund: Die Volkswirtschaft des Inselreichs zählt nicht gerade zu den weltweit dynamischsten.

Das zeigt der Blick auf den Leitindex des Landes, den Nikkei 225: Von seinem absoluten Höchststand Ende 1989 ist der aus den Titeln der 225 wichtigsten Aktiengesellschaften Japans gebildete Index zurzeit ein ganzes Stück entfernt. Die auf das Top folgenden 20 Jahre werden gerne als „verlorene Jahrzehnte“ bezeichnet. Das wird der Entwicklung Japans und seiner Ökonomie kaum gerecht, denn zu Anfang des Jahrtausends erlebte das Land den längsten Aufschwung seiner Geschichte. Der fand erst mit der Finanzkrise des Jahres 2008 sein Ende.

Seit 2009 geht es erst langsam, seit Ende 2012 etwas dynamischer erneut nach oben, auch wenn immer wieder, wie im zweiten Quartal dieses Jahres mit einem Wachstum von lediglich 0,2 Prozent, Rücksetzer zu verkraften sind. Gegenüber dem Vorjahr steht immerhin ein Plus von 0,4 Prozent zu Buche, nachdem die beiden vorherigen Quartale negative Werte auswiesen. Seit Anfang Juli scheint es nicht nur mit dem Aktienmarkt langsam bergauf zu gehen, auch der gelegentlich als wirtschaftlicher Frühindikator bezeichnete Einkaufsmanager-Index zeigt seit Mai wieder in Richtung neutraler Erwartungen. Nach den negativen Werten der Vormonate ist dies als Erfolg zu werten.

ZAUBERFORMEL ABENOMICS

Zurückzuführen ist diese moderate Belebung jedenfalls nach Meinung der seit 1955 nahezu ununterbrochen regierenden Liberaldemokratischen Partei (LDP) auf Ministerpräsident Shinzo Abe und seine „Abenomics“ – eine Reihe von Maßnahmen, deren Ziel eine nachhaltige Belebung der Wirtschaft und die Beseitigung der strukturellen Defizite des Landes ist.

Mit drei „Pfeilen“ will Abe den Bremsen wirtschaftlicher Dynamik zu Leibe rücken: billiges Geld, schuldenfinanzierte konjunkturelle Anreize und strukturelle Reformen. Bei den Wählern scheint das anzukommen, schließlich verfügt die Partei des Regierungschefs seit Ende Juli dieses Jahres gemeinsam mit ihrem Koalitionspartner erstmals seit 1989 über eine Mehrheit im Oberhaus. Damit geht die Regierungskoalition aus LDP und dem kleineren Partner Komeito gestärkt und mit einer deutlichen Mehrheit in beiden Kammern des Parlaments aus den Wahlen hervor. Abe hatte diese Wahl auch zur Abstimmung über sein Wirtschaftsprogramm erklärt. Auf den Märkten und in der Wirtschaft kommen die Politik Abes und die politische Stabilität des Landes offenbar gut an, denn am 11. Juli, dem Tag nach der Wahl, stieg der Leitindex Nikkei 225 um knapp vier Prozent. Seitdem bewegt er sich in einem Band zwischen 16 000 und 17 000 Punkten. Kurz vor dem Wahltermin hatte er noch bei 15 107 Punkten notiert.

KONJUNKTURSPRITZE ANGEKÜNDIGT

Um die Erholung der japanischen Wirtschaft zu unterstützen und womöglich noch zu beschleunigen, stellte Abe Ende Juli dieses Jahres ein weiteres Konjunkturpaket vor. Mit umgerechnet 240 Milliarden Euro will er die Konjunktur ankurbeln. Damit sei, so Abe, ein starkes Konjunkturprogramm zusammengestellt, mit dem man in die Zukunft investieren werde. Dabei soll vor allem eine gestärkte Binnennachfrage Motor für wirtschaftliches Wachstum sein, denn stärker noch als im ebenfalls exportorientierten Deutschland ist die japanische Wirtschaft von der Auslandsnachfrage abhängig. Lässt sie nach, kann dies derzeit durch die Inlandsnachfrage kaum kompensiert werden. Zuletzt war die private Nachfrage nur geringfügig gestiegen.

NIKKEI 225-Index (2001–2016)

Dabei sind es vor allem die sinkenden Preise, die der Nachfrage zu schaffen machen, denn vom Inflationsziel von zwei Prozent ist Japan gegenwärtig weit entfernt und befindet sich in einer Phase der Deflation. Nach der Wahl äußerte sich Abe dementsprechend: „Wir wollen die Geschwindigkeit erhöhen, mit der wir die Deflation bekämpfen. Das ist es, was die Wähler zum Ausdruck gebracht haben. Ich plane einen Haushalt, der eine umfassende und aggressive Wirtschaftspolitik spiegelt.“ Wie genau dieser Haushalt aussehen soll, ist noch nicht klar, die Politik des billigen Geldes wird er aber auf jeden Fall fortsetzen. An einer ausreichenden parlamentarischen Unterstützung wird es Abe dabei wohl nicht fehlen, denn immerhin haben ihn die Wähler nach der Oberhauswahl mit einer Zweidrittelmehrheit in beiden Kammern des Parlaments ausgestattet.

Eine stabile Inlandsnachfrage wird auch deswegen wichtiger, weil als Folge der Brexit-Entscheidung mancher Anleger den Yen als „sicheren Hafen“ in unsicheren Zeiten betrachtet, was den Kurs nach oben treibt und damit die japanischen Exporte verteuert. Auf den Tourismus scheint sich der Yen-Kurs hingegen allerdings nur begrenzt auszuwirken: Im Juli besuchten immerhin 2,3 Millionen Touristen das Land – der höchste monatliche Wert überhaupt. Vor allem die Zahl der Besucher aus China, mittlerweile die größte Besuchergruppe, stieg mit einem Plus von 26,7 Prozent deutlich an. Wie bei den vorausgegangenen Maßnahmen im Rahmen der Abenomics handelt es sich bei den jetzt aufgelegten Paketen keineswegs um neue Ansätze. Deshalb erwarten sich Ökonomen wie Tamim Bayoumi, Senior Fellow des in Washington ansässigen Peterson Institute for International Economics, vor allem von den strukturellen Reformen die größten und nachhaltigsten Verbesserungen für die japanische Wirtschaft.

Auf einen Blick
Produkt X-pert
WKN 709338
Basiswert√Nikkei 225-Index
Bezugsverhältnis 0,10
Laufzeit Endlos
Kurs 14,56 EUR

Briefkurs vom 18.08.2016, Quelle: Deutsche Bank AG

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FRAUEN UND GRÜNDER FÖRDERN

Und in der Tat hat Japan einiges nachzuholen: Da die Bevölkerung einen hohen Altersdurchschnitt aufweist, Japan aber sehr zurückhaltend beim Thema Immigration agiert, gleichzeitig der Anteil berufstätiger Frauen trotz niedriger Geburtenrate relativ gering ist, sollen diese gezielt gefördert werden: Bis 2020, so der Plan der Regierung, sollen 30 Prozent der Führungskräfte in den Unternehmen weiblich sein.

Erfolgreich ist das Land bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, die seit 2009 kontinuierlich sinkt und im Juni bei 3,1 Prozent lag – Schätzungen des Internationalen Währungsfonds zufolge wird die Arbeitslosenquote für das gesamte Jahr 2016 bei 3,27 Prozent liegen. Damit steht Japan deutlich besser da als die Vereinigten Staaten, die im Juni eine Quote von 4,9 Prozent verzeichneten, und als Deutschland. Hierzulande waren zuletzt sechs Prozent als arbeitslos gemeldet. Ein weiterer Ansatzpunkt sind Steuerreformen und der dringend nötige Abbau bürokratischer Hürden. Auch beim Thema Corporate Governance soll es Verbesserungen und damit mehr Transparenz geben. All diese Maßnahmen sollen vor allem Unternehmensgründern zugutekommen und so die wirtschaftliche Dynamik erhöhen.

Auf einen Blick
Produkt X-pert-Zertifikat
WKN 709337
Basiswert Topix-Index
Bezugsverhältnis 1,0
Laufzeit Endlos
Kurs 11,40 EUR

Briefkurs vom 18.08.2016, Quelle: Deutsche Bank AG

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KURZFRISTIGE ERFOLGE ERWARTET

Sicherlich werden diese Maßnahmen erst langfristig – dafür aber wohl auch nachhaltiger – wirksam. Für die unmittelbare Zukunft muss man nach Meinung einiger Analysten aber auch nicht ganz schwarz sehen, denn vor allem zur Jahreswende 2016/2017 sollten die ersten Maßnahmen des geschnürten Konjunkturpakets greifen. Für das dritte Quartal dieses Jahres erwarten sie eine leichte Belebung durch Nachholeffekte – nachdem im Vorquartal beispielsweise eine Reihe von Automobilherstellern ihre Produktion kurzfristig einstellen musste. Der Grund der Stilllegungen: Die Teileversorgung war aufgrund erdbebenbedingter Ausfälle bei Zulieferern ins Stocken geraten.

Insgesamt spricht doch einiges für eine Erholung der japanischen Wirtschaft im Laufe dieses Jahres. Vor allem die politische Stabilität nach den Oberhauswahlen und die Entschlossenheit der Regierung, die Konjunktur anzukurbeln, machen Mut. Daher könnten auch die beiden führenden japanischen Aktienindizes Nikkei 225 und Topix ihren Boden für dieses Jahr gefunden haben und von der Umsetzung der Konjunkturmaßnahmen in den nächsten Monaten profitieren.

Arbeitslosenquote in Japan 2010 bis 2016

AN DER ERHOLUNG PARTIZIPIEREN

Für Anleger, die an einem möglichen Aufschwung in Japan partizipieren möchten, bietet sich ein Investment in die beiden führenden Aktienindizes an: Der Nikkei 225 setzt sich aus den 225 wichtigsten börsennotierten Unternehmen zusammen, während der Topix alle im ersten Börsensegment gelisteten Papiere umfasst und somit bei weit über 1000 Unternehmen aus einem noch wesentlich breiteren Aktienuniversum schöpft.

Das X-pert-Zertifikat auf den Nikkei 225 mit der WKN 709338 der Deutschen Bank (siehe Tabelle auf Seite 25) bietet eine Teilnahme im Verhältnis eins zu eins an der Wertentwicklung des Index. Das Zertifikat hat keine Laufzeitbegrenzung. Nach demselben Prinzip funktioniert auch das Zertifikat mit der WKN 709337 auf den Topix (siehe Tabelle Seite 26).

Wichtiger Unterschied der beiden ­Indizes: Während die Gewichtung der einzelnen Aktien beim Topix wie international üblich nach Marktkapitalisierung erfolgt, basiert sie beim Nikkei 225 rein auf den Aktienkursen. Dadurch ­ergeben sich, ähnlich wie beim Dow Jones, große Verzerrungen, da Notierungen von einigen Hundert Yen auf Kurse im 100 000er-Bereich treffen. Der Performance tut dies keinen Abbruch: Im Langfristvergleich hat sich der Nikkei 225 sogar besser entwickelt als der Topix.


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