Im Jahr 1927 gab der Deutsche Werkbund eine Ausstellung in Auftrag, die sich dem Anspruch und den Herausforderungen des Wohnstils der Zukunft widmen sollte. Die künstlerische Leitung wurde damals Mies van der Rohe übertragen.

Ergebnis war die Weissenhofsiedlung in Stuttgart, an deren Konzeption sich insgesamt 17 Architekten beteiligten. In weniger als einem halben Jahr entstanden 63 Wohnungen. Die Philosophie hinter dem Vorhaben: Häuser sollten nicht nur der Repräsentation dienen, sondern sich nach den Bedürfnissen der Bewohner richten. Dem Thema Luft und Licht wurde bei der Ausarbeitung besonders viel Beachtung geschenkt. Kunstvolle Verschnörkelung, alles, was an Jugendstil erinnerte, sollte einer neuen Idee von Zweckmäßigkeit weichen: Würfelförmige Gebäude mit großen Fenstern und Dachterrassen waren das Ergebnis. Inzwischen gilt die Weissenhofsiedlung als eine der bedeutendsten Architektursiedlungen unserer Zeit. In nur 21 Wochen entstanden ganze 21 Häuser. Für die Innenarchitektur der Musterwohnungen wurde Ferdinand Kramer verpflichtet, der auch selbst entworfene Möbel mit einbrachte. Der Stuttgarter Maler Willi Baumeister war an der Ausstellung als Werbegrafiker beteiligt. Zu seinen umfangreichen Auftragsarbeiten gehörten unter anderem die Gestaltung der Werkbund-Denkschrift, des Amtlichen Katalogs, des Werbeplakates zur Ausstellung „Wie wohnen?“ sowie die Beschriftungen in den Ausstellungshallen.

Zwei Häuser der Weissenhofsiedlung, für die der Stararchitekt Le Corbusier verantwortlich war, sind nun zum Weltkulturerbe ernannt worden. Die UNESCO nahm in einer im Juli stattfindenden Sitzung in Istanbul Bauten Le Corbusiers aus sieben verschiedenen Ländern auf die Liste des Welterbes.

Klare Linien, freie Fassadengestaltung mit Langfenstern und der Dachgarten prägen das Corbusier-Doppelhaus in Stuttgart.

AVANTGARDISTISCHER STIL

Zum Zeitpunkt der Planung war das ein avantgardistischer Stil. In der einen Hälfte des Corbusier-Doppelhauses ist heute eine Dokumentation über die Geschichte der Weissenhofsiedlung untergebracht: Im Jahr 2002 kaufte die Stadt Stuttgart das Doppelhaus und nach einer umfassenden Instandsetzung der Innenräume, der Fassade und des Gartens lässt sich das Gebäude seit 2006 als Weissenhofmuseum besichtigen. Die Räume der rechten Haushälfte wurden rekonstruiert, auch die durchgestylte Einrichtung. Das eng geschwungene Treppenhaus ist ebenso Kennzeichen seines Stils wie die Feldbettgestelle, die nachts aus dem Schrank geholt werden sollten.

Und fast noch wichtiger: die Schiebefenster. Denn frische Luft war ein wichtiger Garant gegen gefürchtete Epidemien, die in den 1920er-Jahren in überbevölkerten und engen Mietskasernen grassierten. Le Corbusier schuf hier praktisch seinen Gegenentwurf, bei dem die Dachterrasse folglich auch nicht fehlen durfte. Der internationale Antrag für die Aufnahme der Le-Corbusier-Bauten war zuvor zweimal abgelehnt worden. An dem neuen Antrag haben sich jetzt sieben Staaten aus drei Kontinenten beteiligt. Neben Deutschland bewarben sich Argentinien, Belgien, Frankreich, Indien, Japan und die Schweiz. Betont wurde die herausragende Bedeutung Le Corbusiers für die Architektur im 20. Jahrhundert. Sein Werk sei Zeugnis der Globalisierung der Moderne.

ERFOLG FÜR BADEN-WÜRTTEMBERG

Ursprünglich sollte die Entscheidung zur Weissenhof-Siedlung bereits früher fallen. Das Komitee hatte seine Sitzung aber wegen des Putschversuchs in der Türkei unterbrochen und erst zwei Tage später fortgesetzt. Wegen der zunächst unübersichtlichen Lage im Land entschied sich die UNESCO dann aber, die eigentlich bis zum 20. Juli geplante Sitzung vorzeitig zu beenden. Die verbliebenen Tagesordnungspunkte sollten bei einem außerordentlichen Termin nachgeholt werden. Als die Aufnahme dann schließlich bekannt wurde, war die Freude in Baden-Württemberg und der Stadt Stuttgart groß. „Es ist ein großartiger Erfolg für ganz Baden-Württemberg“, erklärte die neue Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) des südlichen Bundeslands. Und der Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Bündnis 90/Die Grünen) bewertete die Siedlung auch unter aktuellen Gesichtspunkten noch als vorbildhaft: „Le Corbusiers Impuls, günstige Wohnungen mit innovativen Grundrissen und neuen Materialien zu bauen, ist noch immer wegweisend und muss daher Ansporn für unsere Architekten und Stadtplaner sein“, sagte Kuhn.

Die gesamte Weissenhofsiedlung mit ihren noch elf von ursprünglich 33 im Original erhaltenen kubischen Flachdachhäusern müsse auch weiterhin im Zentrum der Arbeit zum kulturellen Erbe stehen, betonte die Stadt. Aktuell bemüht sich Stuttgart in Kooperation mit fünf weiteren europäischen Werkbundsiedlungen der 1920/30er-Jahre um das Europäische Kulturerbe-Siegel. Für Stuttgart ist die Aufnahme in die Welterbeliste bereits jetzt ein großer Imagegewinn mit Sogwirkung für

Kulturtouristen. Bereits 2015 konnte sich die Stadt über das bislang erfolgreichste Tourismusjahr freuen. So war die Auslastung der Übernachtungsbetriebe in der Landeshauptstadt in manchen Monaten kaum steigerungsfähig. Auch im ersten Halbjahr 2016 hält sie sich auf diesem Niveau. „Allerdings gibt es in diesem Jahr monatlich sehr deutliche Schwankungen“, sagt Armin Dellnitz, Geschäftsführer der Stuttgart-Marketing GmbH und der Regio Stuttgart Marketing- und Tourismus GmbH.

ERFOLGREICHSTES TOURISMUSJAHR

So wurden im ersten Halbjahr 2016 nach Angaben des Statistischen Amtes der Stadt Stuttgart und des Landesamtes Baden-Württemberg insgesamt 930 760 Gäste und 1 723 140 Übernachtungen in den Stuttgarter Beherbergungsbetrieben mit zehn und mehr Betten registriert. Mit einer Steigerung von 4,7 Prozent bei den Gästen und 3,1 Prozent bei den Übernachtungen gegenüber dem vorigen Jahr kann die Landeshauptstadt bereits jetzt einen erfreulichen Zuwachs der touristischen Nachfrage verbuchen. Die Magnetwirkung Welterbe wird sich im zweiten Halbjahr sicherlich positiv bemerkbar machen. Vor allem bei inländischen Gästen gab es zu Beginn dieses Jahres deutliche Zuwächse.

Der April verzeichnete ein überdurchschnittliches Übernachtungsaufkommen von 318 789 und eine hohe Veränderungsrate mit einem Plus von 13,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. „Damit war der April der Monat mit den meisten Übernachtungen im ersten Halbjahr 2016. Aber auch in den Monaten Januar, Februar, März und Juni wurden jeweils neue Übernachtungsrekorde erzielt“, erklärt Thomas Schwarz, Leiter des Statistischen Amts der Landeshauptstadt Stuttgart. Während der Inlandsmarkt im ersten Halbjahr 2016 mit einer Steigerung von 4,4 Prozent abschnitt, wies der Auslandsmarkt im Vergleich dazu mit insgesamt 496 191 Übernachtungen bisher kein Wachstum auf. In diesem Bereich der Tourismuswirtschaft erhofft man sich nun durch die Aufnahme in die Welterbeliste einen Zuwachs.

Wussten Sie ...

... dass der Eintrag von Le Corbusiers Werken in die Welterbeliste eine einzigartige Antragsgeschichte hat?

Nach den ersten gescheiterten Versuchen aus den Jahren 2008 und 2011 wurde dem ersten seriellen und transnationalen Welterbeantrag in der Geschichte der UNESCO-Liste 2016 stattgegeben.


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