Interview | 28.10.2016

Ohne China geht heute nichts mehr

Der chinesische Internetmarkt gehört zu den schnellstwachsenden weltweit. X-press sprach mit dem CEO von iCrowdU, dem Web-Experten Alexander Holtermann darüber, warum auch deutsche Firmen das Reich der Mitte bei ihren Unternehmungen nicht mehr unberücksichtigt lassen können.

X-press: Herr Holtermann, Sie haben die vergangenen zehn Jahre vor allem in Hongkong, aber auch auf dem chinesischen Festland zugebracht. Können Sie uns den Wandel der Internetszene in den vergangenen Jahren beschreiben?

Alexander Holtermann: Während man im Westen bereits viel Wert auf Design und coole Features legte, wurde in China noch von Print-Medien ins Internet kopiert. Aus unserer Sicht gruselig anzuschauen. Im Hintergrund entwickelten sich aber schon einige Unternehmen wie Tencent und Alibaba. Fokus dieser Firmen war Funktionalität. Das ist etwas, das wir im Westen schon lange ignorieren. Chinesen sind durch und durch Pragmatiker. In China wird der schnelle Weg zum Erfolg gewählt, was der chinesische Staat zudem noch intensiv fördert.

Alexander Holtermann (46)

Der CEO von iCrowdU blickt auf zehn Jahre Erfahrung in China und speziell Hongkong zurück. Er beriet viele internationale, private und börsennotierte Unternehmen bei ihrem Gang nach Asien.

X-press: Alibaba und WeChat gehören zu den erfolgreichsten Vertretern ihres jeweiligen Segments. Wie erklären Sie sich den Erfolg?

Holtermann: Beide Firmen haben aufgrund der Größe des chinesischen Marktes in kürzester Zeit einen Zuwachs erreichen können, der weltweit einzigartig ist. Chinesen sind ‚Spielzeug-verliebt‘: Je mehr etwas blinkt, je mehr es zu sehen gibt, desto mehr Chinesen lockt es an. Lässt sich dann damit noch Geld verdienen, wird es zum Selbstläufer. Alibaba bietet das Fenster zur Welt. Vor Alibaba musste ich chinesische Freunde bitten, Waren für mich zu recherchieren. Seit Alibaba brauche ich dafür maximal fünf Minuten, ohne Hilfe. Es gibt im Westen nichts Vergleichbares. Aus denselben Gründen hat Tencents WeChat über 700 Millionen Nutzer. Das ist so ziemlich jeder, der sich in China im Internet bewegt. WeChat hat eigene Webseiten für Unternehmen obsolet gemacht. Es läuft alles über WeChat, Bezahlen inklusive. Chinesen lieben integrierte Lösungen, die auf die Gemeinschaft setzen. Darin liegt deren Erfolg.

X-press: Wo sehen Sie die größten Potenziale?

Holtermann: Zum einen in dem schier unendlichen Hunger der Chinesen nach Information. Jeder will mitmachen und vor allem mitreden können. Ob jung, ob alt; die Hemmschwelle, praktisch alles online zu erledigen, ist deutlich geringer als im Westen. Zum anderen spielt die chinesische Regierung eine entscheidende Rolle. Es wird für ausländische Firmen alles getan, damit sie sich in China ansiedeln. Wuzhen mit der „ständigen Internet-Konferenz“ ist nur ein Beispiel. Wir wurden hier mit offenen Armen empfangen! China selbst birgt in Sachen Internet noch ein gigantisches Potenzial.

X-press: Sie wollen demnächst mit der eigenen Crowdfunding-Plattform starten. Was genau haben Sie vor?

Holtermann: iCrowdU.com bietet einen völlig anderen Ansatz in Sachen Crowdfunding. Wir haben das konsolidierte Crowdfunding entwickelt, sprich, wir bieten alle Arten auf einer Plattform an, machen es zugänglich für jedermann, ob für eine Privatperson mit kleinstem Kreditgesuch oder für Projektinvestments oder zur Unternehmensfinanzierung: Mit Crowdfunding ist heute alles möglich. Zudem sind wir transparent, global und binden soziale Netzwerke ein. China und Europa durch Crowdfunding miteinander zu verbinden, ist der perfekte Start für uns – etwas, das unsere Investoren und Partner überzeugt hat, bei uns einzusteigen.

X-press: Wie schützen Sie sich vor Nachahmern?

Holtermann: Ja, das Thema Nachahmer wird oft im Zusammenhang mit China gebracht. Wir sehen das jedoch nicht als Problem, sondern als ganz normalen Wettbewerb. Kopiert uns jemand, heißt das, dass wir etwas richtig machen. Man muss sich in China von der Vorstellung verabschieden, dass man etwas proprietär halten kann. Die Entwicklung ist viel zu rasant, um juristisch gegen andere aktiv zu werden. Wir sind innovativ, flexibel und dynamisch. Ganz wichtig ist, viele neue Produkte in der Hinterhand zu halten, um schnell agieren zu können, damit Nachahmer eben nur Nachahmer bleiben. Und solche Produkte haben wir.

X-press: Wir waren nun zehn Tage mit der Chinesischen Investment Promotion Agentur CIPA des chinesischen Handelsministeriums zusammen vor Ort unterwegs. Was ist Ihr Fazit und wo sehen Sie chinesische Webfirmen in fünf Jahren?

Holtermann: Auf der Delegationsreise waren neben mir und anderen Unternehmern deutsche Rechtsanwälte, Steuerberater sowie Journalisten wie Sie, und alle waren überwältigt von dem, was sie an dynamischen, fortschrittlichen Unternehmen vorgefunden haben. Gerade in der Internetbranche sind einige chinesische Unternehmen kurz davor, die amerikanische Vormachtstellung zu knacken. Ich erinnere dabei nur an die bereits erwähnten Firmen Alibaba, Tencent oder auch NetEase. Mein Tipp an Investoren: Sie sollten diese chinesischen Internetkonzerne allesamt im Blick behalten. Aus dem einen oder anderen wird aus meiner Sicht in den kommenden fünf Jahren ein Weltmarktführer werden, wenn er es nicht bereits schon ist.
Das Interview führte Ralph Wintermantel

Heilige Hallen

Im Empfangsbereich von NetEase in Hangzhou sprach X-press-Chefredakteur Ralph Wintermantel mit dem CEO von iCrowdU, Alexander Holtermann über Chinas Internetgiganten.


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