Währung unter Druck | 28.10.2016

Die Pfund-Schwäche

Als Folge des Referendums in Großbritannien im Juni kündigte Premierministerin Theresa May im Oktober an, Ende März 2017 den Austritt des Landes aus der Europäischen Union gemäß Artikel 50 des EU-Vertrags einzuleiten. Das hat für viel Bewegung auf den Währungsmärkten gesorgt.

Devisenmärkte zeichnen sich für gewöhnlich dadurch aus, dass sie oft trendstark handeln und zumindest bei den größeren Währungspaaren große Tagesschwankungen nicht unbedingt die Norm sind.

Kommentar

Kein goldener Oktober

Als eifrigen Leser der Tagespresse und ausgewiesenen Freund des Goldes hat es mich kürzlich gefreut, dass das edelste aller Metalle auch immer mehr im Rahmen der schönen Künste gebraucht wird.

Michael Blumenroth

Turbulent

Das Brexit-Referendum hat das Pfund Sterling auf Talfahrt geschickt.

Allerdings gab es in den vergangenen beiden Jahren doch einige Ausnahmen von dieser Regel. Unvergesslich ist der rasante Kurssturz des Euro gegenüber dem Schweizer Franken nach der Aufhebung des Mindestkurses durch die Schweizer Nationalbank am 15. Januar 2015. Der Kursverlauf dürfte sicherlich auch heute noch ein unerfreulicher Anblick für all diejenigen sein, die unter dieser Aufhebung gelitten haben. Auch an den plötzlichen Absturz des australischen und des neuseeländischen Dollars nach der Abwertung des Renminbi im August 2015 erinnern sich viele Marktteilnehmer noch mit Schrecken. Die zweifelhafte Ehre, sogar zweimal in vier Monaten einen veritablen Kurssturz hingelegt zu haben, kommt allerdings dem britischen Pfund zu.

ÜBERRASCHUNG ZUR NACHTZEIT

So kam es am 7. Oktober 2016 zu nachtschlafender Zeit bei Beginn des Handels in Asien zu einem Flash Crash. Das Pfund Sterling stürzte von etwa 1,26 in weniger als zwei Minuten auf 1,1860 Pfund/Dollar ab. Einige Börsendienste wollen gar einen Sturz auf das Niveau von 1,15 Pfund/Dollar beobachtet haben. Die Gründe für diesen Kurssturz und die darauf folgende schnelle Erholung zurück auf 1,24 Pfund/Dollar waren nicht ganz klar. Es scheint aber kein Fat Finger Trade gewesen zu sein, bei dem ein Händler versehentlich eine viel zu große Anzahl von Kauf- oder Verkaufsaufträgen ins System eingibt, sondern eine Kaskade von Verkaufsaufträgen unter der psychologisch interessanten Marke von 1,25 Pfund/Dollar. Dabei hatten die Marktteilnehmer erst kurz zuvor den noch viel signifikanteren Absturz des Pfunds von etwa 1,50 auf 1,32 Pfund/Dollar in der Nacht der Brexit-Abstimmung Ende Juni verdauen müssen. Schließlich schien sich das Pfund im Bereich um 1,30 Pfund/Dollar wohlzufühlen. In Folge des Flash Crash vom 7. Oktober schwächelte das Pfund nun jedoch nachhaltig und orientierte sich eher an der Marke von 1,20 als an der von 1,30 Pfund/Dollar. Wie kam es dazu?

„HARTER BREXIT" GEPLANT

Zum einen war das Thema Brexit im Sommer quasi aus dem Fokus der Märkte in der Versenkung verschwunden. Von dort wurde es von Premierministerin Theresa May dann aber beim Parteitag der Torys wieder recht unsanft ans Tageslicht befördert. Sie befürwortete dort einen „harten Brexit“ für die anstehenden Verhandlungen über das zukünftige Verhältnis Großbritanniens zur Europäischen Union (EU). Die Vorsitzender der Konservativen Partei will vor allem die Zuwanderung nach Großbritannien begrenzen. Das stößt auf dem Kontinent auf wenig Sympathie und könnte zur Konsequenz haben, dass England den wichtigen Zugang zum EU-Binnenmarkt verliert. Dies hätte schwerwiegende Folgen, da etwa im vergangenen Jahr die Ausfuhren Großbritanniens in andere EU-Staaten 44 Prozent der Gesamtexporte des Landes ausmachten. So wurden zum Beispiel 40 Prozent aller produzierten Fahrzeuge in die EU verkauft. Sollten die Briten durch den Brexit auch den freien Zugang zum EU-Binnenmarkt verlieren, könnte dies den Außenhandel – etwa durch Zölle oder ähnliche Hemmnisse – stark beeinträchtigen.

Brexit means Brexit

Premierministerin May hat keinen Zweifel daran gelassen, dass Großbritannien die EU verlassen wird.

GRÜNDE FÜR DIE PFUND-SCHWÄCHE

Ein harter Brexit hätte damit erhebliche Auswirkungen auf die britische Konjunktur wie allerdings auch auf die der Eurozone, sodass Investoren begonnen haben, das Pfund zu verkaufen. Ein weiterer Grund für die zunehmende Pfund-Schwäche in der ersten Hälfte des Oktobers war, dass viele Investoren britische Staatsanleihen in großem Umfang aus ihren Depots warfen. Als Konsequenz fielen die Kurse zehnjähriger Staatsanleihen deutlich. Gleichzeitig stiegen die Renditen – von 0,65 Prozent am 27. September auf bis zu 1,22 Prozent am 17. Oktober. Mit anderen Worten: Den Investoren mussten höhere Renditen geboten werden, damit sie britische Staatsanleihen überhaupt noch kauften. Dies ergibt auch insofern Sinn, als dass ein schwacher Kurs des britischen Pfunds einen großen Einfluss auf die Inflationsrate in Großbritannien haben dürfte.

ZINSERHÖHUNG UNWAHRSCHEINLICH

Seit dem Brexit-Referendum Ende Juni hat das Pfund (Stand Mitte Oktober) gegenüber dem Dollar 18 Prozent und gegenüber dem Euro mehr als 15 Prozent verloren. Dies bedeutet wiederum, dass alle aus diesen Währungsräumen nach Großbritannien eingeführten Waren und Dienstleistungen für die Briten nun deutlich teurer werden, was sich in steigenden Inflationsraten bemerkbar machen dürfte. So rechnet inzwischen auch die Bank of England damit, dass die Inflation im nächsten Jahr die Marke von zwei Prozent übersteigen könnte. Normalerweise würde eine Zentralbank dann mit Zinserhöhungen eingreifen, was aber derzeit aus konjunkturellen Gründen in Großbritannien wohl nicht möglich sein dürfte.

REKORDHOCH BEIM FTSE-INDEX

Doch nicht sämtliche Marktteilnehmer waren von der Entwicklung enttäuscht. Zumindest die britischen Aktionäre hatten ihre Freude. Dank der Kurssteigerungen bei Werten der Exportindustrie kletterte der FTSE 100-Index im Oktober auf ein Rekordhoch. Die Währungsanalysten der Deutschen Bank vertreten jedoch die Meinung, dass ein schwaches Pfund der britischen Wirtschaft nicht nachhaltig hilft. Die konjunkturellen Aussichten für Großbritannien scheinen derzeit weiterhin schlecht zu sein. Der Absturz der britischen Währung sollte aber den größten Teil des Weges bereits zurückgelegt haben. Dennoch erwarten die Experten im kommenden Jahr einen Kurs von 1,15 Pfund/Dollar.
Es könnte aber noch weiter abwärts gehen, falls es aus irgendeinem Grund zu einer verstärkten Kapitalflucht aus Großbritannien käme, auch wenn das ein Szenario ist, das die meisten Analysten für unwahrscheinlich halten.

KEINE LANGEWEILE

Richtig spannend wird es aber wohl dann, wenn die Verhandlungen mit der Europäischen Union über einen Austritt Großbritanniens im Frühjahr 2017 tatsächlich beginnen. Langeweile wird im Handel mit dem britischen Pfund sicher so schnell nicht aufkommen.


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