Welterbe-Serie | 28.10.2016

Zollverein – Welterbe mit 240 Millionen Tonnen Kohle

13. Teil:  Die Zeche Zollverein Essen war bereits in ihrer aktiven Zeit ein Symbol für die stolze Bergbauwelt. Heute übt sie als UNESCO-Weltkulturerbe auch eine touristische Faszination aus.

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Das Ruhrgebiet wird noch immer mit Zechen und Kohleabbau assoziiert. Zu wichtig waren die Ressourcen, Bergwerke und -leute für den industriellen Aufstieg des deutschen Kaiserreichs und den wirtschaftlichen Wiederaufbau der Bundesrepublik Deutschland nach dem Krieg, als dass ihre Bedeutung auch nach ihrem Niedergang allzu schnell verblassen sollte.

Hunderte von Bergwerken waren am Entstehen der neuen Wirtschaftsmacht beteiligt – vielen von ihnen kommt eine historische Bedeutung zu, aber nur die Zeche Zollverein Essen steht seit dem Jahr 2001 auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes: Sie ist ein Meisterwerk der Bergbauarchitektur, erdacht von den Visionären Fritz Schupp und Martin Kremmer. Die symmetrische Anordnung der Gebäude, die sie entwarfen, fasziniert bis heute: Die bis ins Detail ausgestalteten Anlagen sind so konzipiert, dass sie als industrielles Gesamtkunstwerk zu verstehen sind. Dabei ist die Zeche vollständig erhalten geblieben.

FÖRDERGERÜST ALS DENKMAL

Zudem sind die wirtschaftlichen Dimensionen beeindruckend: 240 Millionen Tonnen Kohle wurden bis zur Stilllegung 1986 abgebaut. Über und unter Tage waren bis zu 5000 Bergleute beschäftigt, rund um die Uhr – ein eigener Bergbaukosmos im 24-Stunden-Takt. Das berühmte Doppelbock-Fördergerüst repräsentiert eindrucksvoll den Wandel einer ganzen Region, die nie zur Ruhe kam und von der das wirtschaftliche Schicksal eines ganzen Landes abhing. Daher wurde der Zeche schon von Anfang an neben ihrer eigentlichen Funktion für die Industrie auch die Rolle eines Branchendenkmals zugewiesen, das die Stellung des Bergbaus symbolisierte. Dessen Bedeutsamkeit haftete der Hauch eines Mythos an, der bis heute anhält.

Mit Aufnahme der Zeche Zollverein in die Weltkulturerbeliste der UNESCO wurde sichergestellt, dass diese in Stahl gegossene Symbolik, dieses einzigartige Zeugnis der Industriearchitektur erhalten blieb. Der lange Weg der Kohle aus dem Erdreich wird damit auch in Zukunft und für andere Generationen erlebbar sein. Explizit wurden die Schachtanlagen 1, 2 und 8, das Gelände um den Schacht 12 und die benachbarte Kokerei, die von 1957 bis 1993 im Einsatz war, auf die UNESCO-Liste gesetzt. Heute ist die 1847 gegründete Zeche im Norden der Stadt Essen mit Schachtanlagen in den Stadtteilen Stoppenberg, Katernberg und Schonnebeck sowie an der Stadtgrenze zu Gelsenkirchen eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten und eins der attraktivsten Motive für Fotografen im Ruhrgebiet.

Stolz der Kumpel

Das riesige Doppelbock-Fördergerüst besticht durch klare Linien und ist zum imposanten Symbol der Zeche Zollverein geworden.

BEGINN DER KOHLEFÖRDERUNG

Den Anfang des Bergwerks bildete die Schachtanlage 1/2 mit zunächst zwei burgähnlichen Türmen. Im Jahre 1851 wurde mit der Kohleförderung begonnen. In den Folgejahren begann Ausbau und Gründung weiterer Schachtanlagen auf dem Gelände. So kamen die Anlagen Zollverein 3/7/10 in Schonnebeck oder 4/5 an der Stadtgrenze zu Gelsenkirchen an der Trabrennbahn dazu. Ende der 1920er-Jahre entstanden außerdem die Zentralförderanlage und der Schacht 12 mit seinem markanten Doppelbock – dem wohl bekanntesten Wahrzeichen der Zeche. Die Inschrift des Namens „Zollverein“ in Frakturschrift ist zur stilistischen Marke geworden. Die Bauwerke wurden im damals sehr modernen Bauhausstil neu errichtet, also in geometrischen, kubischen Formen. So bestehen fast alle Zechengebäude meist aus Backstein-Würfeln mit rechteckigen Fensterbändern. Die außergewöhnliche Architektur stammte von Fritz Schupp, der auch die Zeche Nordstern und die benachbarte Kokerei Zollverein geplant und konzipiert hat.

Die Kohlekrise war der Anlass für das Ende des Betriebs der Zeche Zollverein im Jahre 1986. Die Zeiten der großen Kokerei waren im Jahre 1993 endgültig vorbei.

Nach ihrer Stilllegung begann das zweite Leben der Zeche: Die Phase der Umwidmung und aufwendigen Restauration der Anlage dauert noch immer an. Nach und nach wurde die ehemalige Zeche zum heutigen überregional bekannten Kulturzentrum mit unterschiedlichsten Angeboten und Museen. Große Bekanntheit errang die Zeche im Zuge der Veranstaltungen zur Kulturhauptstadt RUHR.2010. Pro­blemlos lassen sich hier viele Stunden in Ausstellungen und auf dem spektakulären Außengelände verbringen. Wenn möglich sollte man unter der Woche, wenn noch nicht allzu viele Besucher die Anlage beleben, das Areal auf sich wirken lassen: ganz früh am Morgen, wenn Nebel über die Schächte zieht – eine Kulisse, wie gemacht für einen Schimanski-„Tatort“. Der Umgang mit dem alten Industrierelikt führte zunächst zur Kunst. Im Kesselhaus der Zeche, wo einst der Dampfdruck für die Bewetterungsanlagen des Untertageabbaus erzeugt wurde, ist heute das Red Dot Design Museum untergebracht. Im Turbinenhaus genießt man jetzt im Gourmetrestaurant Casino Zollverein exklusive Speisen zwischen Stahlträgern und alten Kesseln. Im Salzlager der Kokerei fand „The Palace of Projects“ des Künstlerpaares Ilya und Emilia Kabakov Platz. In der großen Lesebandhalle wurden früher an vielen Bändern Gesteinsbrocken aus der Kohle gelesen – nun finden in ihr Konzerte statt.

NEUE HEIMAT FÜR KUNST

Heute ist das Industriedenkmal ein lebendiger Kulturstandort mit Museen für Industrie und Design, zahlreichen Lifestyle-Angeboten und Veranstaltungen – eine Attraktion für Einheimische wie für Besucher aus anderen Regionen oder dem Ausland. Rund 1,5 Millionen Gäste aus aller Welt kommen inzwischen jährlich, um die außergewöhnliche Industriearchitektur zu erleben, an Führungen teilzunehmen, Ausstellungen zu besichtigen, Feste zu feiern oder im Zollverein Park zu relaxen.

Will man bequem und schnell das ganze Weltkulturerbe-Gelände erkunden, sollte man auf das Angebot zurückgreifen, das der E-Bus bietet.

Bei den ein- oder zweistündigen Zollverein-Rundfahrten vermittelt ein Gästeführer interessante Informationen zur Historie und Architektur der Anlagen. So lernen die Teilnehmer während der Fahrt alle wichtigen Bauwerke von Schacht 12, Schacht 1/2/8 und der Kokerei Zollverein kennen. Der Denkmalpfad Zollverein bietet 28 verschiedene Führungsformate in acht Sprachen, die für jedes Alter spannende Einblicke bereithalten. Ein weiteres Highlight ist das Regionalmuseum des Ruhrgebiets. Mit über 6000 Exponaten präsentiert das Ruhr Museum in der ehemaligen Kohlenwäsche die Natur- und Kulturgeschichte der Ruhrregion. Auf drei spektakulären Ebenen zeigt die Dauerausstellung die Gegenwart der Metropole Ruhr, das vorindustrielle Gedächtnis sowie die dramatische Geschichte der Industrialisierung und des Strukturwandels im Ruhrgebiet.

Die Metropole Ruhr ist mittlerweile besonders wegen der berühmten Zeche für Touristen eine Reise wert. Kamen 1987 noch 1,3 Millionen Besucher an die Ruhr, waren es 2008 bereits 3,1 Millionen und mehr als 3,7 Millionen im Jahr 2014. Damit waren die Touristenzahlen so hoch wie noch nie zuvor. Die in- und ausländischen Besucher buchten insgesamt rund 7,4 Millionen Übernachtungen, wobei Essen mit mehr als 1,4 Millionen im vergangenen Jahr den Spitzenplatz in der Region belegte. Ein stolzes Ergebnis, wenn man bedenkt, dass es eine Industrieregion ist, die so viele Touristen anzieht.


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