Welterbe-Serie | 15.12.2016

Regensburg – römische Wurzeln und Mystik des Mittelalters

Regensburg fasziniert jeden Besucher. Im Winter wirkt der Charme dieser Stadt mit ihren schneebedeckten Häusern ganz besonders. Als UNESCO-Welterbe ist die Domstadt auch zu einem weltweiten Begriff für Kulturreisende geworden.

Ein Spaziergang durch Regensburg ist ein Erlebnis. Der mittelalterliche Stadtkern wurde in den vergangenen Jahrzehnten nach und nach saniert, die Altstadt ist vollständig verkehrsberuhigt. Besucher können nun durch eine Erlebniswelt mit mehr als 1500 Einzeldenkmälern schlendern und in frühere Zeiten eintauchen. Weil Regensburg kaum industrialisiert war, wurde die Stadt in den 1940er-Jahren von Bombern verschont und ist damit einer flächendeckenden Zerstörung glücklicherweise entgangen.

AM BESTEN ERHALTENE MITTELALTERLICHE STADT

Als am besten erhaltene mittelalterliche Großstadt Deutschlands wurde Regensburg 2006 von der UNESCO zum Welterbe erklärt. Die Kulturorganisation der Vereinten Nationen nahm sie als 32. Stätte in Deutschland in die Liste der Denkmäler von „außergewöhnlichem universellen Wert“ auf.

In einer 3000 Seiten starken Bewerbungsschrift hatte die Stadt zuvor jedes denkmalgeschützte Haus detailliert beschrieben. Die Mühe hat sich gelohnt, denn das UNESCO-Welterbesiegel ist begehrt, auch weil es einen erheblichen Einfluss auf das Touristenaufkommen einer Stadt oder Region hat. Mit den aktuellen Zahlen kann Regensburg jedenfalls sehr zufrieden sein. Die Anzahl der Übernachtungen steigt bereits seit acht Jahren in Folge. Im vergangenen Jahr waren es 276 295, rund 30 000 mehr als im Vorjahr. Auch die durchschnittliche Verweildauer von 1,8 Tagen pro Gast liegt in Regensburg auf einem hohen Niveau. Auffallend ist insbesondere der starke Zuwachs an ausländischen Touristen.

Schmuckstück Altstadt

Historische Wohn- und Geschäftshäuser prägen das Bild der Innenstadt.

BELIEBT BEI TOURISTEN

So kamen im Jahr 2015 knapp 122 000 ausländische Besucher in die Domstadt, ein Plus von 4,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das entspricht einem Anteil von 23 Prozent aller Übernachtungsgäste. Der Münchener Tourismusexperte Charly Haidn sagt: „Gastronomen und Tourführer werden oft von internationalen Besuchern auf die architektonisch-historische Bedeutung Regensburgs und auf das Thema UNESCO-Welterbe angesprochen. Für Touristen spielt dieses Thema eine Rolle bei ihrem Besuch.“

Die größte Gruppe internationaler Gäste kommt mit über 26 000 Besuchern aus Österreich. Dies entspricht knapp zwölf Prozent aller ausländischen Besucher. Auch die Zahl der Übernachtungen ausländischer Gäste stieg – im Vergleich zum Jahr 2014 um 6,7 Prozent auf 224 000.

Mit 77 Prozent und 752 163 Übernachtungen stellen aber die Besucher aus dem Inland den größten Anteil. Sabine Thiele, Geschäftsführerin von Regensburg Tourismus: „Die Domstadt liegt bei Städtereisenden weiterhin im Trend und konnte ihre Stellung als drittstärkste Stadt im bayerischen Übernachtungstourismus halten.“ Im Vergleich der 100 Top-Sehenswürdigkeiten in Deutschland liegt Regensburg inzwischen auf dem 24. Platz und damit vor Publikumsmagneten wie dem Schloss Sanssouci in Potsdam, dem Marienplatz in München, der Semperoper in Dresden oder dem Berliner Dom.

Die oberpfälzische Bezirkshauptstadt mit ihren 140 000 Einwohnern kann auf eine 2000-jährige Geschichte zurückblicken. Eine steinerne Inschrift in einem ehemaligen römischen Legionslager aus dem Jahr 175, dem „Castra Regina“, gilt als eigentliche Gründungsurkunde der Stadt. Im Jahre 739 wurde Regensburg dem kanonischen Recht und damit dem Papst unterstellt.

Die politische Bedeutung Regensburgs wuchs über die Jahrhunderte. So war die Stadt bereits um das Jahr 900 ein wichtiges Zentrum des Ostfränkischen Reichs. Seit Ende des 16. Jahrhunderts wurden im Reichssaal des Regensburger Rathauses Reichstage abgehalten. In einer der letzten Sitzungen wurde dort 1803 auch die Auflösung des Heiligen Römischen Reiches beschlossen. Es war die Geburtsstunde des Fürstentums Regensburg, das dann 1810 zum Königreich Bayern kam. Die Sonderstellung, die Regensburg im alten Bayern genoss, ging dabei allerdings verloren. Zu den Profiteuren der Industrialisierung gehörte Regensburg allerdings nicht, denn trotz des Eisenbahnanschlusses 1859, der die Stadt mit München und Nürnberg verband, blieb ihre Rolle auf die eines regionalen Handelszentrums beschränkt. Nur die Donauschifffahrt und die Verschiffung von Petroleum konnte neue wirtschaftliche Dynamik für die Stadt generieren. Es blieb der klerikale und architektonische Reiz, der schon im vergangenen Jahrhundert Touristen in die Stadt gelockt hatte.

Zeuge der Geschichte

Ein steinernes Männchen wacht über die historische Brücke.

REISEGRUND WELTERBE

Das dominierende Bauwerk war und ist der mächtige Dom St. Peter. Im Mittelalter muss dieser noch beeindruckender gewesen sein: Schon der Sockel, auf dem der Dom fußt, ist fast so hoch wie ein normales Haus. Der erste Dom stand an der Stelle schon im neunten Jahrhundert, brannte aber, wie das Nachfolgebauwerk, ab. Dessen Nachfolger wiederum entwickelte sich zu einer „Baustelle für Jahrhunderte“. Zuletzt wurde an den Turmhelmen und dem oberen Teil des Querhauses gebaut. Erst nach 600 Jahren wurde 1872 die Kathedrale, das bedeutendste gotische Bauwerk in Bayern, vollständig fertiggestellt.

Neben der Altstadt gehört der kleine, nördlich der Steinernen Brücke gelegene Bezirk Stadtamhof zum UNESCO-Welterbe. Die einst selbstständige Stadt wurde im Jahr 1924 eingemeindet. Die Steinerne Brücke symbolisiert, neben der geistlichen, die andere wichtige Bedeutung der Stadt im Mittelalter: Händler boten in Regensburg Waren aus der ganzen damals bekannten Welt an: Pfeffer, Nelken, Zimt oder Teppiche aus dem Orient, Baumwolle und Farbstoffe aus fernen Ländern, Seide aus Asien. Viele dieser Produkte wurden über die Steinerne Brücke in die Handelsmetropole gebracht. Es wird vermutet, dass schon Kelten und Römer an dieser Stelle die Donau überquerten.

Im Jahre 792 gab Karl der Große den Auftrag, eine Holzbrücke anzulegen, die aber von der Strömung weggerissen wurde. Mit dem Bau der Steinernen Brücke wurde im Jahr 1135 begonnen. Auftraggeber waren Regensburger Kaufleute. Als sie fertiggestellt wurde, war sie die einzige Donaubrücke zwischen Ulm und Wien. Sie verbindet die Altstadt mit den Stadtteilen auf der nördlichen Seite des Flusses und überquert zwei Donauarme. Heute gilt sie als älteste erhaltene Brücke Deutschlands. Nicht auf einer geraden Linie erbaut, folgt sie den Bodenverhältnissen und dem Verlauf der Strömung. In ihrer Entstehungszeit war Regensburg die bevölkerungsreichste Stadt Deutschlands – und der Brückenbau für die ansässigen Kaufleute und Händler eine wirtschaftliche Notwendigkeit.

Am schönsten lässt sich dieser Regensburger Kaufmannsgeist noch heute bei einem entspannten Bummel durch die mittelalterlichen Gassen mit ihren zahlreichen Geschäften erleben. Ein weiterer Anziehungspunkt ist das – allerdings nicht zum Welterbe gehörende – Schloss St. Emmeram.


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