Indien | 23.01.2017

Der schlafende Riese erwacht

Indien zählt zu den am stärksten expandierenden Volkswirtschaften der Welt. Bis Mitte des Jahrhunderts könnte es mit seinem Bruttoinlandsprodukt nach China und USA an dritter Stelle liegen. Noch warten jedoch gewaltige Herausforderungen.

Ein heftiger Ruck ging am 8. November 2016 durch die indische Bevölkerung, als der Premierminister Narendra Modi die Banknoten über 500 (ca. 6,90 Euro) und 1000 Rupien (ca. 13,80 Euro) für ungültig erklärte und mitteilte, dass diese bis zum 30. Dezember 2016 nur noch bei Banken eingetauscht werden könnten. Die Folge waren lange Schlangen an den Einzahlungsautomaten sowie zumindest kurzfristige Geschäftsprobleme, da die indische Wirtschaft überwiegend mit Bargeld funktioniert und vor dieser Änderung 98 Prozent der Geschäftstransaktionen in bar erfolgten.
Der indischen Regierung sollte die tief greifende Maßnahme – machten doch diese Banknoten 86 Prozent des Bargeldumlaufes aus – vor allem als Schritt gegen die herrschende Korruption im Land und als Anstoß dazu dienen, Millionen von Indern steuerpflichtig zu machen. Entgegen der Annahme der Regierung traten rund 97 Prozent der Bürger den Weg zur Bank an und tauschten altes Bargeld im Wert von umgerechnet rund 209 Milliarden Euro.

Interview

„Die Dynamik ist gewaltig“

Als Vorsitzender der Integrated Association of Micro Small & Medium Enterprises of India (IamSMEofIndia) kennt Rajiv Chawla die indische Wirtschaft ganz genau. Das X-press -Team hat ihn zum Potenzial Indiens befragt.

Rajiv Chawla

NEUER WAHLKAMPF

So überraschend die Art und Weise der Aktion auch war, Modi beabsichtigte damit unter anderem die Erfüllung seiner im vorangegangenen Wahlkampf versprochenen Eliminierung von Korruption, Schattenwirtschaft und Steuerhinterziehung. Ob sich dies auch bei den anstehenden Regionalwahlen unterstützend auswirkt, ist derzeit noch nicht abzusehen.

 

Wachstum des BIP in Indien (in Prozent)

 

ABSCHWÄCHEN DER WIRTSCHAFT

Dagegen scheint laut zahlreichen Analysten und Ratingagenturen ein Rückgang des Wachstums in Indien sicher, da der plötzliche Bargeldentzug insbesondere den in Indien sehr großen informellen Wirtschaftssektor ausbremsen dürfte. Jedoch könnte die Reform langfristig durchaus positive Effekte haben und die Steuereinnahmen ankurbeln.
Mit einem vorübergehenden Abschwächen des Wirtschaftswachstums rechnet im Übrigen auch die indische Regierung. Nach der Beseitigung der Engpässe in der Stromversorgung und dem Vorantreiben des Straßenbaus – täglich werden rund 30 Kilometer an neuen Straßen gebaut – prognostizierte das Statistikministerium in Neu-Delhi ein Wachstum von voraussichtlich 7,1 Prozent im noch bis März laufenden Haushaltsjahr 2016/2017. Im ­vorangegangenen Haushaltsjahr 2015/2016 lag ­dieses noch bei 7,6 Prozent.

ENORMER ENERGIEHUNGER

Die fortschreitende Modernisierung des multiethnischen Staats mit knapp 1,3 Milliarden Einwohnern lässt jedoch langfristig die weitere dynamische Entwicklung des Wirtschaftswachstums erhoffen. Laut OPEC-Chef Mohammed Barkindo wird der enorme Energiehunger des Subkontinents zwar zunehmend durch erneuerbare Energien gestillt, allerdings könnte durch das bis zum Jahr 2040 prognostizierte Wachstum der Bevölkerung auf etwa 1,6 Milliarden Menschen (18 Prozent der Weltbevölkerung) der Ölkonsum jenen von China deutlich übersteigen und Indien hinter den Vereinigten Staaten von Amerika zum weltweit zweitgrößten Verbraucher aufsteigen lassen.
Ende 2016 teilte die staatliche Zentrale Energie Agentur mit, dass dank des wachsenden Gewichtes der erneuerbaren Stromquellen wie Sonne oder Wind im Energiemix Indiens sowie enormer Einsparpotenziale keine zusätzlichen Investitionen in Kohlekraftwerke mehr benötigt werden. Vor dem Hintergrund der herrschenden Luftverschmutzung ist der Verzicht auf Kohle auch notwendig. Dennoch: Bislang sind etwa 300 Millionen Menschen nicht an die Stromversorgung angeschlossen.

Aufbruchstimmung

Das wirtschaftliche Wachstumspotenzial Indiens ist enorm.

VERBESSERUNG DES KLIMAS

In einem Energieplan kündigte die Regierung an, dass Indien die in Paris vereinbarten Klimaziele nicht nur drei Jahre früher erreichen, sondern auch um rund die Hälfte übererfüllen werde. Bereits in zehn Jahren beabsichtigt Asiens drittgrößte Volkswirtschaft, 57 Prozent des Energieverbrauchs aus nichtfossilen Quellen zu generieren.
Aus diesem Grund setzt Indien aktuell verstärkt auf Wind- und Solarenergie und treibt den Energieumstieg durch Investitionen aus der Privatwirtschaft voran. So ging bereits Ende des letzten Jahres eine von der Adani-Gruppe – Indiens größtem privatem Stromerzeuger – errichtete 648-Megawatt-Solaranlage ans Netz. Das damit weltgrößte Solarkraftwerk im südindischen Tamil Nadu umfasst eine Fläche von der Größe von Berlin-Mitte.

POTENZIELLE WACHSTUMSMÄRKTE

Nicht nur dem indischen Energiesektor wird eine rosige Zukunft bescheinigt – auch dem Automobilmarkt, denn während in Deutschland jeder Zweite über einen eigenen Pkw verfügt, sind es in Indien nur 18 von 1000 Einwohnern. Entsprechend winkt hier ein gigantischer und lukrativer Absatzmarkt für die großen Automobilhersteller weltweit. Doch dieser muss laut Branchenkennern mit den richtigen Modellen – also einfachen, sparsamen und robusten Fahrzeugen mit einem sehr guten Preis-Leistungs-Verhältnis – bedient werden.
Diesen Anforderungen kommt der größte Automobilhersteller in Indien, Tata Motors, mit günstigen und wendigen Kleinwagen bisher am besten nach. Jedoch könnten die steigenden Einkommen sowie die wachsende Mittelschicht der noch jungen Bevölkerung dazu führen, dass zunehmend auch mehr der typischen Statussymbole, etwa die Luxuskarossen mit höherer Motorisierung der deutschen Autobauer, nachgefragt werden.

INTERNET UND SMARTPHONES

Ein enormes Wachstum wird auch den Internetzugängen bescheinigt. Lagen diese in 2010 noch unter 20 Millionen, könnten sie laut dem Wirtschaftsverband Nasscom in Zusammenarbeit mit Akamai Technologies bis zum Jahr 2020 auf 730 Millionen ansteigen. Ende 2015 betrug die Zahl immerhin bereits rund 350 Millionen.

Diese Daten zeigen zudem recht deutlich, wie groß die regionalen Unterschiede in Indien sind. Auf der einen Seite können in der IT-Metropole Bangalore, dem asiatischen Silicon Valley, Softwarefirmen wie Infosys international erfolgreich auftrumpfen. Auf der anderen Seite kommen mehrere Hundert Millionen Menschen ohne häuslichen Strom aus und haben beispielsweise von der Marke Apple noch nie Notiz genommen. Da ist es nicht verwunderlich, dass Apple & Co. Investitionen in Indien tätigen wollen. Denn vom Ausbau des Internets wird sicherlich auch der Smartphone-Markt profitieren. Doch auch dieser wird derzeit überwiegend von einfachen und günstigen Modellen beherrscht. Eine Produktcharakteristik, die bisher vor allem Anbieter aus China – hier insbesondere die Hersteller Xiaomi, Oppo und Lenovo – zu nutzen wissen.

 

Basket Zertifikat DB6ARC

 

INVESTMENTS IN INDIEN

„Mittel- und langfristig bietet Indien bessere Aussichten als andere asiatische Märkte“, war kürzlich im Gros auf dem Börsenparkett in Frankfurt zu vernehmen. Kurzfristige Prognosen gingen dagegen in alle Richtungen. Investoren wären also derzeit gut darin beraten, den langfristigen Charakter bei Investments in indische Wertpapiere ins Auge zu fassen.
Anleger, die von der Dynamik Indiens überzeugt sind, jedoch das Risiko meiden möchten, in einzelne Aktien zu investieren, könnten einen Blick auf das Indien Top Select Zertifikat der Deutschen Bank werfen. Dieses Basket-Zertifikat bildet einen Korb von aktuell sieben indischen Einzelwerten aus den Branchen Automobil, Banken, Software, Telekommunikation sowie Pharma und Gesundheit (siehe auch Kasten auf dieser Seite). Mit dem Kauf des Basket-Zertifikats erwirbt der Anleger entsprechend dem Bezugsverhältnis einen Bruchteil des Wertpapierkorbs. Weitere Informationen erhalten Interessierte unter xmarkets.de.
Noch sind erhebliche Investitionen nötig, um die weitere Industrialisierung Indiens voranzutreiben. Doch insgesamt befindet sich Indien auf einem guten Weg. Groß angelegte Infrastrukturprojekte, wie der Ausbau von Industriekorridoren zwischen verschiedenen Knotenpunkten zu Lande, zu Wasser und in der Luft, sind entweder im Gange oder bereits geplant und warten auf ihre Umsetzung.


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