Interview | 23.01.2017

„Die Dynamik ist gewaltig“

Als Vorsitzender der Integrated Association of Micro Small & Medium Enterprises of India (IamSMEofIndia) kennt Rajiv Chawla die indische Wirtschaft ganz genau. Das X-press -Team hat ihn zum Potenzial Indiens befragt.

Dynamisch

Indiens Wirtschaft ist ebenso vielfältig wie robust.

X-press: Herr Chawla, Sie sind Vorsitzender von „I am SME of India“, einer Wirtschaftsvereinigung, die die Interessen kleiner und mittlerer Unternehmen vertritt. Wie beurteilen Sie die gegenwärtige wirtschaftliche Lage in Indien?

Rajiv Chawla: Indien ist heute die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt, und wenn man die Kaufkraftparität als Maßstab nimmt, sogar die drittgrößte. Das Land erfüllt alle Voraussetzungen, um innerhalb der nächsten zehn Jahre die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt zu werden. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat Indien jeweils ein durchschnittliches jährliches Wachstum von mehr als 7 Prozent realisieren können und ist damit eines der Länder mit der größten wirtschaftlichen Dynamik. Bedenken Sie, welch gewaltige ökonomische Dynamik solche Wachstumsraten in einem Land mit mehr als 1,25 Milliarden Einwohnern entfesseln. Zwar hat sich das Wachstum im dritten und vierten Quartal 2016 verlangsamt. Das liegt aber hauptsächlich an einer Reform des Bargeldverkehrs, der in Indien eine außerordentlich große Rolle spielt, was für Sie vielleicht etwas überraschend ist. Ich denke aber, dass diese Reform langfristig sehr positive Auswirkungen hat und ein Wachstums­treiber sein wird, denn sie eröffnet vielen Indern erstmals den Zugang zum institutionalisierten Bankensystem und bringt mehr als 14 Billiarden Rupien in den Wirtschaftskreislauf ein.

X-press: Inwieweit wird sich das Bevölkerungswachstum auf die Wirtschaftsleistung auswirken?

Rajiv Chawla: Der Einfluss ist gewaltig und verschafft Indien einen immensen Wettbewerbsvorteil. Indien ist eines der Länder mit der weltweit jüngsten Bevölkerung. Das Durchschnittsalter liegt etwas unter 23 Jahren. Mehr als 50 Prozent der Bevölkerung ist unter 25 und mehr als 60 Prozent unter 35. Das bedeutet, dass der weitaus größte Teil der arbeitsfähigen Bevölkerung von hoher Mobilität, Flexibilität und moderner Ausbildung geprägt ist und gleichzeitig mit neueren Konsum- und Verhaltensmustern wie der Digitalisierung, dem Internet der Dinge oder anderen Entwicklungen aufgewachsen ist.

Rajiv Chawla

ist Vorsitzender der Integrated Association of Micro Small & Medium Enter­prises of India.

X-press: Wo sehen Sie die größten Gefahren für das indische Wirtschaftswachstum?

Rajiv Chawla: Indien verfügt über eine große und diversifizierte, aber auch sehr robuste Wirtschaft. Natürlich sind viele Inder in der Landwirtschaft beschäftigt, schließlich ist Indien der weltgrößte Produzent von Milch, Jute oder Hülsenfrüchten. Gleichzeitig ist Indien ein starker Dienstleistungs­standort vor allem für IT- und Telekommunikationsdienstleistungen. Auch was die Industrieproduktion betrifft, gehört Indien zu den führenden Produzenten, beispielweise von Automobilen und Fahrzeugkomponenten. Sogar in der Luft- und Raumfahrttechnologie hat Indien einiges zu bieten. Durch die wirtschaftliche Eigenständigkeit vieler Regionen ergibt sich eine große Vielfalt und Robustheit der indischen Wirtschaft. Ich sehe Gefahren vor allem durch globale politische Entwicklungen und weniger aufgrund spezifisch indischer ökonomischer Faktoren.

X-press: Mit welchen Unternehmen ist künftig auf dem Weltmarkt zu rechnen?

Rajiv Chawla: Sie werden verstehen, dass ich als Vorsitzender eines Industrieverbands hier keine konkreten Namen nennen will. Aber ich sehe eine ganze Reihe von Unternehmen vor allem aus der Automobil- und Zulieferindustrie, dem Pharmasektor, aber auch aus der traditionell starken Schmuckindustrie und natürlich aus dem Dienstleistungs-, IT- und Telekommunikationssektor, die in den kommenden Jahren globale Führungsrollen übernehmen könnten.  

X-press: In welchen Branchen sehen Sie für ­Unternehmer aus Deutschland in Indien derzeit die größten Potenziale?

Rajiv Chawla: Hauptsächlich in den Branchen, die ich eben genannt habe. Ich denke, Indien kann gerade der deutschen Automobilindustrie viel bieten. Auch was den Infrastruktursektor betrifft, bietet Indien viel Potenzial. Aufgrund seiner Bevölkerungsstruktur ist Indien – das wird manchmal übersehen – natürlich auch ein sehr interessanter
Markt für Unternehmen, die im Bildungs- und ­Weiterbildungsbereich tätig sind.

X-press: Herr Chawla, wie unterstützt Ihre Organisation deutsche Unternehmen in Indien?

Rajiv Chawla: Wir sind ein guter Ansprechpartner für ausländische Unternehmen, denn durch unsere vielseitigen Leistungsangebote kennen wir die Bedürfnisse und Fähigkeiten vieler indischer Unternehmen ganz genau. Wir haben zudem eine ganze Reihe von Absichtserklärungen auch mit deutschen Stellen hinsichtlich Kooperationen vor allem kleiner und mittlerer Unternehmen sowie zu Austausch- und Trainingsprogrammen unterzeichnet.

 

Das Interview führten
Marcus Kapust und Ralph Wintermantel.


X-press Magazin © 2018