Welterbe-Serie | 23.01.2017

Wittenberg – Welterbe im Zeichen Luthers

Wie keine andere Stadt ist Wittenberg mit dem Namen Martin Luthers verbunden. Dieses Jahr steht ganz im Zeichen des Reformators und stellt die Region vor große Herausforderungen.

In der UNESCO-Welterbeliste hat die Stadt Wittenberg immerhin bereits drei verschiedene Erwähnungen vorzuweisen: So sind dort das Luther- und das Melanchthonhaus sowie die Stadtkirche und die Schlosskirche zu finden. Nun könnte die Liste der lokalen UNESCO-Objekte noch länger werden, denn im Lutherjahr 2017, das dem sachsen-anhaltinischen Städtchen die Aufmerksamkeit der weltweiten protestantisch-evangelischen Gemeinde sichert, ist alles möglich. So wurde 2016 von der Stiftung Luthergedenkstätten ein Antrag gestellt, auch die Cranach-Höfe, das Augusteum sowie das Bugen­hagenhaus und das Schloss Wittenberg auf die UNESCO-Liste zu setzen. Entstehen würde dann vor Ort eine Art „Reformationslandschaft“, die Wittenberg und der Region auch über das Lutherjahr hinaus neue touristische Impulse verschaffen würde. Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör unterstützt jedenfalls den Antrag der Stiftung: „Mit der Erweiterung der Liste durch die UNESCO würde der Qualität der herausragenden Zeugnisse der Reformation noch mehr Aufmerksamkeit verliehen.“

KULTURREGION ALS ZIEL

Es gehe insgesamt um die Erweiterung zum Welterbe „Lutherstätten in Mitteldeutschland“, heißt es. Der Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten Stefan Rhein ist überzeugt: „Es wäre wirklich eine sinnvolle Ergänzung.“ Das Vorhaben soll den politischen, sozialen und kulturellen Aspekten der ­Lutherepoche einen größeren Stellenwert einräumen und damit die neuesten Ergebnisse der Luther­forschung dokumentieren, die belegen, dass die Reformation nicht allein auf die Arbeit eines Mannes zurückgeht. Im Ganzen also ein Projekt mit auch historisch ambitionierten Zielen.

MACHTZENTRUM DER REFORMATION

So ist das im Antrag aufgeführte Bugenhagenhaus zum Beispiel das älteste noch erhaltene evangelische Pfarrhaus weltweit. Es liegt in unmittelbarer Nähe zu Martin Luthers einstiger Predigtkirche, die auch Mutterkirche der Reformation genannt wird.
Beim Schloss kommt ein anderer historischer Kontext zum Tragen: Das Bauwerk symbolisiert das Machtzentrum und die politische Dimension der Reformationszeit. Die im Antrag aufgeführten einzelnen Häuser verdeutlichen räumlich, welche Auswirkungen die Lutherzeit auf die Kunstwelt ausgeübt hat. Und schließlich das Augusteum. Dieses ursprünglich als Universitätsgebäude ­genutzte Bauwerk steht für die Bildungsziele der Lutherbewegung.
Dem Urteil der UNESCO-Kommission sieht man im Lutherjahr 2017 entspannt entgegen. Kämen weitere Wittenberger Objekte auf die begehrten Plätze der Liste, wäre dies das Sahnehäubchen auf dem PR-Kuchen, der den Verantwortlichen ohnehin schon mundet. Der Dank der Tourismusbranche gilt Martin Luther.

LANGE SIEDLUNGSGESCHICHTE

Kaum ein Ort und seine Historie sind so eng mit einer einzigen Person verbunden wie Wittenberg. Symbolisiert wird dies durch die offizielle Bezeichnung „Lutherstadt Wittenberg“. Zu Recht: Martin Luther hat in Wittenberg an der Universität gelehrt und seine 95 Thesen, die die Entwicklung der Welt in eine andere Richtung lenkten, an die Tür der Schlosskirche geschlagen. Auch berühmte Freunde des Reformators wie Philipp Melanchthon, ­Johannes Bugenhagen und Lucas Cranach d.Ä. wirkten hier.
Fast, so scheint es, beginnt die Geschichtsschreibung in Wittenberg mit Luther. Doch die bewegte Historie der Stadt reicht viel weiter zurück. Die erste schriftliche Erwähnung Wittenbergs datiert aus dem Jahr 1174, als ein Graf Thiedrich von Wittenburc als Burgward von „Wittenburg“ geführt wird. 1293 bekam Wittenberg dann das Stadtrecht verliehen, im Jahr 1354 erhielt der Ort das Marktrecht. Einen weiteren gewaltigen Impuls erfuhr die Stadt zur Regierungszeit Friedrichs des Weisen, als eine neue Elbbrücke errichtet und damit der Handel gestärkt wurde. Auch wurden modernere Festungsanlagen und ein Schloss gebaut.

Renoviert

Am 3. März wird das Luthermuseum mit einer neugestalteten Ausstellung wiedereröffnet.

UNIVERSITÄT MIT ANZIEHUNGSKRAFT

Noch zu Beginn des 16. Jahrhunderts, als die Universität – eine der ersten im Reich, die nicht auf kirchliche Initiative zurückgeht – gegründet wurde, lebten in Wittenberg nur etwa 2000 Menschen. Zu dieser Zeit kam der berühmte Maler Lucas Cranach der Ältere in die Stadt, in der er sich darauf auch als Schankwirt, Apotheker, Buchhändler und Verleger betätigte.
1508 begann mit der Berufung Martin Luthers als Professor an die Universität eine neue Epoche. 1518 kam Philipp Melanchthon, einer der unter den Studenten beliebtesten deutschsprachigen Denker seiner Zeit, ebenso wie viele weitere Intellektuelle nach Wittenberg. Zusammen mit Johannes Bugenhagen, dem Pfarrer der Stadtkirche, bildeten diese vier den Kreis der führenden Vertreter der Reformation. Kritisiert wurde von ihnen der ständig wachsende Bedarf des Papstes an Geld für den Bau des Petersdomes in Rom und der Ablasshandel unter Johann Tetzel.

SCHICKSALSTAG AM 31. OKTOBER 1517

Am 31. Oktober 1517 veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen, in denen er gegen den Ablasshandel wetterte. Er schlug sie unter anderem an die Schlosskirche an, deren Tür als eine Art „Schwarzes Brett“ der Universität diente. Die daraus resultierenden Auseinandersetzungen mit dem Kaiser gipfelte im Bann, der Luther schließlich auf die Wartburg führte. Dort übersetzte er das Neue Testament ins Deutsche und vollzog seine Abkehr von der römisch-katholischen Kirche. War die
Lutherzeit in Wittenberg mehr eine Epoche des philosophisch-intellektuellen Streits, ist die nachfolgende Stadtgeschichte reich an Konflikten auch militärischer Art.
So lag die Stadt immer wieder im Zentrum der Kämpfe des 30-jährigen Krieges. Der Siebenjährige Krieg hinterließ ebenfalls Spuren. Schloss und Kirche wurden zerstört und mit Letzterer auch die berühmte Thesentür.
Als am 26. April 1945 die Rote Armee einmarschierte, blieb das Stadtbild jedoch weitgehend unbeschadet. So kann sich im Lutherjahr, in dem der 500. Jahrestag des Thesenanschlags gefeiert wird, die Stadt den Touristen in historischer Authentizität präsentieren. Rund eine Million Gäste aus aller Welt erwartet der Oberbürgermeister in seiner „kleinsten Weltstadt der Welt“. Mit knapp 48000 Einwohnern ist Wittenberg die viertgrößte Stadt Sachsen-Anhalts. Mit nur rund 2000 Ho­telbetten ist es dagegen nicht optimal auf den ­Besucheransturm vorbereitet. Dazu kommen aber nochmals rund 1000 private Unterkünfte. Auch ein Hotelschiff, das ab März im Elbhafen anlegen wird, soll Abhilfe schaffen.


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