Welterbe-Serie | 29.06.2017

Zwischen Land und Meer

Das norddeutsche Wattenmeer war die erste deutsche Naturlandschaft, die es auf die prestigeträchtige UNESCO-Welterbeliste schaffte. Damit spielt der flache Streifen zwischen Meer und Land in der gleichen Liga wie beispielsweise das Great Barrier Reef, der Grand Canyon oder die Galapagosinseln.

„Watt’n Meer“, wird sich vielleicht einer der plattdeutschen Sprache Kundiger fragen, wenn das „Wattenmeer“ im Kontext mit der UNESCO-Welterbeliste genannt wird. Ganz und gar nicht plausibel erscheint es zunächst, dass dieser schlammige Lebensraum für Tiere und Pflanzen „als eines der größten küstennahen und gezeitenabhängigen Feuchtgebiete der Erde“ in diese Liste aufgenommen wurde. Andere Mitglieder dieses exklusiven weltweiten Clubs haben es hier sicherlich deutlich einfacher, was das allgemeine Verständnis für die Gründe ihrer Aufnahme angeht. Das Gebiet sei ein einzigartiges Ökosystem mit einer besonderen Artenvielfalt, heißt es in der Begründung des Welterbe-Komitees. Und wirklich: In das Wattenmeer verliebt man sich wahrlich nicht auf den ersten Blick, aber das Verständnis und die Wertschätzung wachsen mit der Dauer und der Intensität der Beschäftigung mit dieser einzigartigen Landschaft.

Zweites deutsches Naturdenkmal

Das Wattenmeer ist erst das zweite Naturdenkmal Deutschlands, das Eingang in die UNESCO-Liste gefunden hat. Die Grube Messel, eine Fossilienlagerstätte bei Darmstadt, trägt diesen Titel zwar bereits seit 1995, anders als das Wattenmeer kann sie aber nicht als Landschaft bezeichnet werden.

Die Wattlandschaft zwischen der holländischen Insel Texel und der Nordspitze Sylts ist damit eines von nicht einmal zweihundert einzigartigen und schützenswerten Naturdenkmälern weltweit. Das bedeutet, dass die Menschheit gemäß UNESCO ein Anrecht auf den Schutz und die Bewahrung dieser Denkmäler hat. Direkte Konsequenzen wie etwa restriktivere Vorschriften oder Gesetze sind mit diesem Anspruch aber nicht verbunden. Die Welterbe-Auszeichnung gilt nämlich zunächst nur als Anerkennung bestehender Schutzbemühungen und ist somit ein Garant für globale Aufmerksamkeit. Der Tourismus wird mit der Auszeichnung aber sicherlich stimuliert und ein Imageverlust könnte daher Folgen für dieses Gewerbe haben.

Lebensraum für Tiere und Pflanzen

Das Wattenmeer ist eine der letzten ursprünglichen Naturlandschaften Mitteleuropas und ist weltweit einzigartig. Es ist eines der größten Feuchtgebiete der Erde, ernährt Fische und bietet ihnen Laichstätten. Ähnliches gilt auch für Muscheln, Krabben und Garnelen. Auch für Seehunde ist das Wattenmeer Lebens- und Rückzugsraum zugleich. Außerdem haben rund sechs Millionen Vögel wie Austernfischer oder Sumpfohreulen im Watt ihre Heimat. Die Salzwiesen beherbergen 2300 Tier- und Pflanzenarten und zehn bis zwölf Millionen Zugvögel benutzen das Wattenmeer als Raststation auf ihren langen Reisen. Reisen, die sie aus dem Norden zu den Überwinterungsgebieten im Süden führen. Die Fettreserven, die sie sich im Watt anfressen, sind für sie praktisch der notwendige Treibstoff für ihren anstrengenden Trip.

Tourismus als Gefahr

Der Schutz dieses Systems kollidiert natürlich in manchen Fällen mit verschiedenen Formen des Tourismus. Naturschutzorganisationen wie der NABU sehen hier ein Konfliktpotenzial und drängen auf noch größere Anstrengungen im Naturschutz.

So fordern sie besseren Schutz der Zugvögel hinter dem Deich und weisen auf die Gefahren der Offshore-Windenergie und des Massentourismus hin. Denn in diesem Fall birgt die Aufmerksamkeit für eine wunderbare Region gleichzeitig auch die Gefahr, dass diese dadurch Schaden nehmen könnte. Und das ist natürlich nicht im Sinne des Erfinders und damit der UNESCO.

Die Faszination fürs Watt wird jedoch bei den meisten nicht theoretisch geweckt, sondern praktisch erlebt – oftmals durch eine Wattwanderung. Es ist das ewige Wechselspiel von Ebbe und Flut, das dieses Erlebnis erst möglich macht. Dort, wo zunächst nichts als Wasser zu sehen war, eröffnet sich bei Ebbe für den Wanderer die Zauberwelt des Meeresbodens, und Besucher können ihn mit eigenen Füßen hautnah erleben. Und so ist das Wattenmeer eben für viele Touristen erst der Grund dafür, ihren Urlaub in dieser Region zu verbringen. Eine schöne Gelegenheit, in diese Welt zum ersten Mal einzutauchen, ist der jedes Jahr aufs Neue zelebrierte Geburtstag der Aufnahme in die UNESCO-Liste. Zum achten Geburtstag wurden in diesem Jahr alleine fünfundzwanzig kostenlose Wattwanderungen angeboten – organisiert und durchgeführt von der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer in Zusammenarbeit mit der Nordsee GmbH. Carolin Wulke, Geschäftsführerin der Nordsee GmbH: „In unserem Projekt Watten-Agenda, das wir mit deutschen und niederländischen Partnern durchführen, stehen neben unseren Touristen auch die Einheimischen im Vordergrund. Mit Aktionen wie diesen Wattwanderungen soll die Identifikation mit der Wattenmeer-Region gesteigert werden. So möchten wir die Menschen von hier begeistern und für das Wattenmeer sensibilisieren.“

Ein Beispiel für solche Veranstaltungen ist die jährliche Geburtstags-Wanderung mit Abendessen: In diesem Jahr war Ende Juni Baltrum der Schauplatz dieser spannenden Kombination aus Kulinarik und Naturerlebnis. Nach einem leckeren Dinner am Yachthafen ging es zu Fuß über den beliebten Gezeitenpfad.

Wussten Sie, ...

... dass es extra Seehundzähler gibt, welche die Seehundpopulation des Wattenmeers auswerten?

Jedes Jahr schickt das „Gemeinsame Wattenmeer-Sekretariat“ mit Sitz in Wilhelms-haven Seehundzähler aus Dänemark, Deutschland und den Niederlanden los. Im vergangenen Jahr wurden laut dem Institut mehr als 24 000 Seehunde gesichtet.

EIGENE ERFAHRUNG wichtig

Zur Sensibilisierung und für das Verständnis der Bedeutung des Watts ist eine Wanderung eigentlich unbedingt erforderlich. Denn spätestens auf ihr wird klar, dass die Ernennung zum Weltnaturerbe nicht schon die endgültige Bewahrung dieses einzigartigen Lebensraumes beinhaltet. Nach einer Studie des World Wide Fund For Nature (WWF) ist die Hälfte aller Weltnaturerbestätten akut in ihrer Existenz gefährdet – und das Watt ist einer der einhundertvierzehn vom WWF genannten Problemfälle.

Günter Mitlacher, Leiter der Abteilung für internationale Biodiversitätspolitik beim WWF: „Seit Jahren wird inmitten des dortigen Nationalparks Öl gefördert. Eine Öl-Insel sowie die häufig mit ihr verbundenen Baumaßnahmen belasten das Wattenmeer massiv und sind ein ständiges Risiko für einen Ölunfall.“

Und die Bohrungen nach Öl sind nicht die einzigen Bedrohungen für das verletzliche Ökosystem. Das wachsende Schifffahrtsaufkommen, Fischerei und Industrialisierung bedrohen das Watt ebenso. Mitlacher: „Die größte Bedrohung ist aber die durch den Klimawandel bedingte Beschleunigung des Meeresspiegelanstiegs, die das Wattenmeer langfristig sogar zerstören könnte.“

Flagge zeigen

Wie sehr das Thema auch die Verantwortlichen aus der Tourismusbranche umtreibt, zeigte zuletzt der Branchentreff auf der Berliner Tourismusmesse ITB. Dort präsentierte sich das Weltnaturerbe Wattenmeer mit einem eigenen Stand. In Kooperation mit dem UNESCO-Programm „Welterbe und nachhaltiger Tourismus“ und unter dem Motto „Menschen. Schützen. Orte“ stellte Anja Dominick, Referentin für die nachhaltige Tourismusstrategie im Gemeinsamen Wattenmeer-Sekretariat in Berlin klar: „Wir wollen zeigen, dass Welterbestätten sowohl Flaggschiffe für Naturschutz als auch außergewöhnliche Schätze zum Erleben und Inspirieren sein können.“

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