Europa hat die Wahl | 26.05.2017

No time for teatime

Am 8. Juni wählen die Briten ein neues Unterhaus. Regierungschefin Theresa May erhofft sich vom Wahlausgang Rückenwind für die schwierigen ­Brexit- Verhandlungen mit der EU. Zeit zum Innehalten und die traditionelle Tasse Tee haben Wirtschaft und Aktienmärkte der Insel jedoch nicht.

Abwarten und Tee trinken ist derzeit das Motto von Mark Carney: Wegen der vorgezogenen Neuwahlen am 8. Juni und den bevorstehenden Brexit-Verhandlungen haben der Chef der englischen Notenbank und seine Kollegen bei der Sitzung am 11. Mai die Zinsen auf dem Rekordtief von 0,25 Prozent belassen. Für die Verbraucher, die unter der kräftig gestiegenen Inflation leiden, sind das keine guten Nachrichten. Außerdem hat Carney den Ausblick für die Inflation deutlich auf 2,7 Prozent erhöht. „Das wird eine herausfordernde Zeit für die privaten Haushalte werden“, sagte er. Der Anstieg der Löhne werde nicht mit der Inflation Schritt halten. Die Konsumenten bekommen die Folgen des Brexit direkt zu spüren, da das Pfund trotz der jüngsten Erholung deutlich unter dem Stand von vor dem Brexit-Referendum am 23. Juni 2016 notiert, was die Einfuhr ausländischer Güter teurer werden lässt. Daher lag die Inflation im April bei 2,3 Prozent, nachdem sie sich in den vergangenen zwölf Monaten stark beschleunigt hatte.

vativer Wahlsieg erwartet

Die Hoffnung auf Besserung besteht in erfolgreichen Verhandlungen mit der EU über die Details des Brexit. Daher richtet sich nun der Blick der Investoren auf die anstehenden Neuwahlen, wobei eine Überraschung nicht zu erwarten ist. Die britische Regierungschefin Theresa May treibt dennoch den Wahlkampf energisch voran, denn der französische Staatspräsident Emmanuel Macron habe bei der Wahl am 7. Mai ein starkes Mandat erhalten, das Frankreich in den Verhandlungen über den Brexit einsetzen könne. „Wir müssen sicherstellen, dass wir ein ebenso starkes Mandat haben und damit eine ebenso starke Verhandlungsposition“, sagte May. Genau das dürfte sie beim Urnengang am 8. Juni klar erreichen, liegen die Konservativen doch in jüngsten Umfragen um bis zu 20 Prozentpunkte vor der Labour-Partei. Damit könnte May einen Sieg einfahren, wie es ihn in dieser Form seit Tony Blair und Margaret Thatcher nicht mehr gegeben hat.

Schwierige Verhandlungen

Bei den Verhandlungen soll es zuerst um die Austrittsmodalitäten gehen, wobei die EU eine Summe von bis zu 100 Mrd. Euro fordern möchte. Erst wenn diese Fragen geklärt sind, sollen die zukünftigen Beziehungen besprochen werden, also hauptsächlich die künftigen Rechte der EU-Bürger in Großbritannien und die der Briten in der EU sowie ein Freihandelsabkommen. Es steht also viel auf dem Spiel, vor allem für die EU, die viel mehr Güter und Dienstleistungen nach Großbritannien exportiert als sie von dort importiert. So lag der Außenhandelsüberschuss der EU 2016 bei rund 126 Mrd. Euro. Dennoch dürfte eine einvernehmliche Lösung angestrebt werden, denn die Briten leiden auch unter dem Brexit, was schwächere Konjunkturdaten – etwa zu Industrieproduktion, Bauausgaben und Einzelhandelsumsätzen – seit geraumer Zeit widerspiegeln.

 

Öl- und Bergbauaktien im Fokus

Wie schlägt sich der Aktienmarkt in diesem Umfeld? Zwar ist der FTSE 100 zuletzt in die Nähe des Rekordhochs geklettert. Mit einem Kursanstieg um lediglich drei Prozent gegenüber Ende 2016 hinkt er aber dem Euro Stoxx 50 und dessen Plus von neun Prozent weit hinterher. Gebremst wurde der FTSE zuletzt vor allem von den Aktien der Öl- und Gasmultis Royal Dutch Shell und BP, die den kräftigen Rückgang des Ölpreises zu spüren bekommen. Der Sektor kommt auf ein Indexgewicht von insgesamt 13,8 Prozent und gehört damit zu den schwersten Branchen im FTSE. Ein weiterer Belastungsfaktor für den Index war der Bereich Bergbau mit Unternehmen wie BHP Billiton und Rio Tinto, die unter dem Rückgang der Rohstoffpreise leiden. Der Sektor macht immerhin 7,2 Prozent im FTSE aus. Der mit weitem Abstand schwerste Einzelwert ist die Bank HSBC mit einem Indexgewicht von 7,0 Prozent, vor British American Tobacco mit 5,3 Prozent. Hingegen gibt es eine Reihe von Aktien aus defensiven, also wenig konjunkturabhängigen Sektoren, die den FTSE weiter beflügeln, wie die Pharmakonzerne GlaxoSmithKline und AstraZeneca, der Spirituosenhersteller Diageo oder der Nahrungsmittelriese Unilever.

Beim FTSE hängt dennoch viel an den Aktien aus den Sektoren Öl und Bergbau, möglicherweise gibt aber bereits die Neuwahl den britischen Aktien insgesamt neue Impulse. Denn nach einem klaren Wahlsieg könnte May entschlossen auf einen erfolgreichen Abschluss der Verhandlungen hinarbeiten. Damit würden sich die Perspektiven für die britischen Unternehmen aufhellen. In diesem Umfeld könnten die Aktien in den nächsten Monaten nach oben tendieren und zur Aufholjagd ansetzen. Dann gilt für Anleger: Nicht abwarten und Tee trinken, sondern kräftig zugreifen.

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