Welterbe-Serie | 21.02.2017

Grube Messel – Fenster in die Urzeit

In der Nähe von Dieburg befindet sich in 65 Meter Tiefe Deutschlands erste Weltnaturerbestätte. Die Grube Messel ermöglicht Besuchern eine einzigartige Reise durch die Zeit.

Im hessischen Landkreis Darmstadt-Dieburg hat sich mit der Tagebaugrube Messel ein Fenster in die Urzeiten unserer Erde aufgetan. Bis Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts diente die Anlage dem Ölschiefer-Tagebau. Immer weiter trieben die Arbeiter über die Jahre die Schächte in die Erde und gelangten so an Sedimentgestein, wobei sie mumifizierte Fossilien zu Tage förderten. Heute hat die Grube Messel eine Tiefe von rund 65 Metern und einen Durchmesser von rund 800 Metern.

Das Besondere an den Funden aus dieser Grube mit den überschaubaren Dimensionen ist, dass das in den betreffenden Erdschichten eingelagerte sauerstoffarme Wasser die dort verendeten Tiere nicht verwesen ließ. Und diese Wesen lebten immerhin im Erdzeitalter des Eozän – einer Zeit, in der Mitteleuropa näher am Äquator lag als heute. Damals glichen die Alpen eher einer aus dem Meer ragenden Inselkette als majestätischen schnee­bedeckten Gipfeln. Die Dinosaurier waren im Eozän bereits 20 Millionen Jahre ausgestorben und die Vorläufer der Säugetiere gerade dabei, sich zu entwickeln.

unvergleichliche funde

Die Qualität und Beschaffenheit der hier mumifizierten oder in Schiefer eingeschlossenen Geschöpfe aus gerade dieser für die Evolution so entscheidenden Phase ist weltweit einzigartig. Dieses wissenschaftliche Alleinstellungsmerkmal war der Grund für die UNESCO, die Grube Messel zum bisher einzigen Weltnaturerbe auf deutschem Boden zu machen. Die Begründung der UNESCO-Kommission verdeutlicht dies: „Die Grube demonstriert eine vitale und explosive Evolution von Säugetieren, die hauptsächlich im Eozän stattfand. Nur einige wenige, qualitativ hochwertige Stätten sind bekannt, welche die Gelegenheit bieten, diese Prozesse zu studieren, und an keiner dieser Stätten sind die Fossilien in so herausragender Weise erhalten oder ihre Lebensräume so umfassend rekonstruierbar. Die Exemplare liefern Informationen, welche die Geschichte eines großen Unterstamms der Wirbeltiere entschlüsseln. Diese Funde umfassen ein weites Spektrum diverser eozäner Lebensformen, die unerreicht und unvergleichlich sind!“

> Umfassend. Die heutige Grube Messel hat einen Durchmesser von etwa 800 Metern und reicht 65 Meter in die Tiefe.

kuriose mumien

So gab die Grube zum Beispiel unzerstörte Haut, Haare, schillernde Insektenflügel und innere Or­gane von Urzeittieren frei, die für Wissenschaftler, Forscher, aber auch Hobby-Historiker spannende Details offenbaren. Spektakuläre Entdeckungen gehören dazu wie die pferdeartigen Wesen Pro­palaeotherium und Eurohippus oder Darwinius masillae, ein Primat aus der Frühzeit und Liebling der Besucher. Auch Exemplare aller Wirbeltiergroßgruppen, Insekten und Pflanzen wurden hier entdeckt. Unter den Funden sind auch kuriose Mumifizierungen wie der Magen einer Schlange. In diesem fand sich bei der Analyse eine Echse, die zuvor wiederum einen dicken Käfer verspeist hatte. Wo anders als in Messel kommt man an die Speisekarte der Urzeittiere?

Doch wie kam es zu diesen Mumifizierungen der Urzeittiere, die die Haltbarkeit ganzer Haut­teile bis in unsere Zeiten gewährleisteten? In grauer Vorzeit, vor unfassbar langen 48 Millionen Jahren, trafen in den betreffenden Erdschichten heißes, von unten strömendes Magma und von oben kommendes Grundwasser aufeinander. Der entstandene Wasserdampf explodierte, durch die gigantische Wucht bildete sich schließlich ein riesiger unter-irdischer Krater. Einsickerndes Regenwasser schuf dort dann einen unterirdischen, sauerstoffarmen See. Auf den Boden dieses unterirdischen Gewässers sank schließlich alles herab, was dort verstarb, und verwandelte sich im Lauf der Jahrmillionen zu Ölschiefer.

tausend jahre an einem tag

Und so kam in Messel über die Jahrtausende eine illustre Schar wundersamer Tiere zusammen. Riesenkrokodile, Uräffchen und -pferdchen fanden in dem unterirdischen Höhlensee genauso ihr Ende wie ein XXL-Eichhörnchen, dem man lebend nicht begegnen möchte.

Die Forschungsarbeiten und Auswertungen dauern noch immer an. 433 Meter tief trieben die Paläontologen den Bohrkopf ins Gestein, wobei ein Zentimeter Vorankommen 100 Jahren Weltgeschichte entspricht. So gesehen dringen die Forscher mit ihren Bohrarbeiten pro Tag mehrere Tausend Jahre bei ihrer Suche nach Details aus den Urzeiten unseres Planeten vor. Durch den Kontakt mit der Luft ist der Ölschiefer inzwischen brüchig geworden. Für die Touristen, die die Grube besuchen, hat das allerdings einen entscheidenden Vorteil.

Grubenexperte Werner Meier: „Das Material lässt sich nun mit der bloßen Hand zerteilen. Das können die Besucher auch ausprobieren, nur mitnehmen darf man nichts. Interessierten geben wir frisches Material aus unserer Halde. Wenn die Besucher dann beim Begutachten und Zerteilen des Materials etwas Spannendes entdecken, wird es natürlich der Forschung zur weiteren Untersuchung übergeben!“

Wussten Sie, ...

... dass für die heutige Welterbestätte jahrelang eine Nutzung als zentrale Mülldeponie für das Rhein-Main-Gebiet erwogen wurde? Erst der Erwerb des Geländes durch das Land Hessen für 32 Millionen DM im Jahr 1991 brachte rechtliche Sicherheit für Forscher und Funde.

indiana jones in hessen

Trotzdem können sich die Gäste der Grube nicht nur wie Archäologen fühlen, sondern auch wirklich einen Beitrag zur Forschung leisten. Meier: „Es werden hier immer wieder erstaunliche Funde von Besuchern beim Zerteilen der Schieferstücke gemacht. Für die weiteren Analysen sind zwar wir verantwortlich, aber die Entdeckung hat immer noch der Besucher gemacht!“ Besonders für Kinder sind das eindrucksvolle und prägende Erlebnisse. Unzählige wissenschaftliche Karrieren wurden und werden von einem Besuch in der Grube Messel inspiriert.

Dass das hessische Tor zur Urzeit aber nicht nur in wissenschaftlich interessierten Kreisen oder bei Schülergruppen auf große Resonanz stößt, zeigen die Übernachtungszahlen im benachbarten Darmstadt. Ein Großteil der überregional oder aus dem Ausland angereisten Besucher der Grube bleibt zumindest für eine Nacht in der Wissenschaftsstadt. Im ersten Halbjahr 2016 kletterten die Übernachtungen um 8,7 Prozent auf 354 653. Fast 40 Prozent dieser Gäste reisten aus dem ­Ausland an – ein deutlicher Anstieg von immerhin 18,8 Prozent.

In Darmstadt liegt die durchschnittliche Verweildauer bei zwei Tagen, im ganzen Landkreis bleiben die Gäste dagegen durchschnittlich doppelt so lang. Wegen der vielen wissenschaftlichen Institute und Einrichtungen reisen auch immer mehr Forscher zu Terminen nach Darmstadt. Werner Meier: „Die meisten von ihnen besuchen während ihres Aufenthaltes auch die Grube Messel. Man merkt gleich an den kenntnisreichen Fragen, dass diese Gäste vom Fach sind. Manchmal kommen dann richtige wissenschaftliche Diskussionen in den Stollen auf und man fühlt sich wie in einem unterirdischen Seminar.“


X-press Magazin © 2018