Welterbe-Serie | 27.04.2017

Die Siedlungen der Berliner Moderne

Berlin, so lautet ein früherer Slogan der Stadt, ist immer eine Reise wert. Eine ungewöhnliche, aber lohnenswerte Möglichkeit, die Bezirke der Stadt in ihrer Vielfalt kennenzulernen, ist eine Tour zum UNESCO-Welterbe, den sechs Siedlungen der Berliner Moderne.

Mehr als 31 Millionen Übernachtungen wurden im vergangenen Jahr in Berlin gezählt. Auch wenn das Wachstum gegenüber dem Vorjahr etwas nachließ, ist das eine beeindruckende Zahl. Die Zahl der Berlin-Besucher stieg ebenfalls: 12,7 Millionen Menschen zog es voriges Jahr in die Bundeshauptstadt – ein Anstieg von 2,9 Prozent. Für die Stadt mit ihrer schwachen industriellen Basis ist der Tourismus ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Einer der Gründe für das Anschwellen des Touristenstromes ist die nahezu unerschöpfliche Zahl Berliner Attraktionen. Daher lohnt es sich, mehrmals zu kommen, denn es gibt immer wieder Neues zu entdecken.

Sechs architektonische Schmuckstücke, die seit 2008 in der UNESCO-Welterbeliste geführt werden, gehören jedoch zu den Sehenswürdigkeiten, die im bunten Angebotsstrauß Berlins häufig übersehen werden. Das ist bedauerlich, denn die Wohnsiedlungen, die in der Zeit zwischen 1913 und 1934 in verschiedenen Bezirken gebaut und als Siedlungen der Berliner Moderne bekannt ­wurden, sind für sich schon eine Reise wert. Zum Welterbe zählen die Gartenstadt Falkenberg, die Siedlung Schillerpark, die Großsiedlung Britz (Hufeisensiedlung), die Wohnstadt Carl Legien, die Weiße Stadt und die Großsiedlung Siemensstadt.

WOHNUNGSBAU MIT ANSPRUCH

Die Ästhetik dieser Siedlungen entsprach damals allerhöchsten Qualitätsansprüchen. Ihr ganz besonderer Stil ist aus den sozialpolitischen Bedingungen ihrer Entstehungszeit abzuleiten. Er ist aber auch auch als Gegenentwurf zu Bauspekulationen und trostlosen Mietskasernen zu sehen. Die beteiligten Architekten wollten mit ihren Entwürfen nicht nur eine neue Stadt, sondern auch eine neue Gesellschaft erschaffen. In ihre Konzepten flossen daher meist auch sozialistische Ideen ein. Ein Beispiel hierfür ist die zwischen 1924 und 1930 von Bruno Taut erbaute Siedlung Schillerpark im Arbeiterviertel Wedding. Taut entwarf nicht nur die Gebäude, sondern auch die Grünanlagen. Die großzügigen Freiflächen sollten den Bewohnern Raum für einen erholsamen Rückzug aus dem industriellen Alltag bieten. Die Anlage wurde vom Krieg glücklicherweise nur wenig in Mitleidenschaft gezogen und konnte nach Kriegsende zügig fertiggestellt werden. 1954 gestaltete der Berliner Gartenbauarchitekt Walter Rossow die Freiflächen weiter. Insgesamt besteht die Siedlung aus 303 Wohnungen und erstreckt sich über eine Fläche von 4,6 Hektar.

Nicht weit entfernt davon befindet sich das nächste Ensemble mit Welterbe-Status. Die Weiße Stadt liegt im Bezirk Reinickendorf und wurde von 1929 bis 1931 von den Architekten Otto Rudolf Salvisberg, Bruno Ahrends und Wilhelm Büning errichtet, die sie speziell für sozial schwächere Bürger konzipierten, um so eine freundlichere Alternative zu den schaurigen Unterkünften zu bieten, in denen damals viele Arbeiter lebten. Der Einzug in eine der modernen Wohnungen mit Küche, Bad, Toilette und Zentralheizung bedeutete für viele ­einen Quantensprung an Lebensqualität. Mit 1268 Wohnungen auf einer Fläche von 14,3 Hektar wurde ein Lebensmittelpunkt für 2100 Menschen geschaffen. Läden, ein Café, eine Arztpraxis und ein Heizkraftwerk mit angeschlossener Wäscherei gaben der Siedlung den Charakter einer eigenen Stadt. Im Krieg wurde die Anlage zwar teilweise beschädigt, ab 1949 begann aber der Wiederaufbau nach altem Vorbild bzw. die Renovierung der erhaltenen Häuser.

menschenwürdiges bauen

Im Bezirk Pankow, im Ostteil der Stadt, liegt die Wohnstadt Carl Legien. Sie wurde in den Jahren 1928 bis 1930 von Bruno Taut und Franz Hillinger konzipiert. Der Name der Siedlung geht auf einen Gewerkschafter zurück. Die Anlage ist noch heute in bestem Zustand und umfasst rund 1150 Wohnungen. Besonderes Merkmal der Anlage sind die herrlichen Gartenanlagen, die zwischen den Häuserblöcken gestaltet wurden und heute von Familien zum Grillen und Erholen genutzt werden.

Die Siemensstadt ist ein weiteres Ensemble mit UNESCO-Status. Die Anlage befindet sich auf einer Fläche, die bis 1897 Wiesen-, Wald- und Sumpfterrain war. In der Zeit der Industrialisierung gab es keine größeren freien Flächen mehr im Berliner Stadtgebiet. Das Unternehmen Siemens begann daher 1897 hier mit dem Bau eines Kabelwerks, das bereits zwei Jahre später fertiggestellt wurde. Zu den Hochzeiten der Anlage waren in allen Siemens-Werken bis zu 66 000 Menschen beschäftigt – ein industrieller Schwerpunkt, von dem Berlin heute nur träumen kann.

Die Siedlung liegt in den heutigen Bezirken Spandau und Charlottenburg-Wilmersdorf und wurde in den Jahren 1933 und 1934 unter den Architekten Hans Scharoun, Paul Rudolf Henning, Otto Bartning und Hugo Häring errichtet. Der Auftrag kam direkt von der Stadt Berlin, die sozial schwächeren Bürgern ein menschenwürdiges Leben ermöglichen wollte. Heute leben in der Großsiedlung rund 2800 Menschen. Besonders charmant sind die sechs verschiedenen Baustile, die schließlich zu einer baulich harmonischen Gesamtheit verbunden wurden.

Wohnen im „Panzerkreuzer“

Die von Hans Scharoun gestalteten Bauwerke im Jungfernheideweg haben den Krieg leider nicht so gut überstanden. In einige der Gebäude sind große Dachterrassen und Trockenböden integriert, die von allen Mietern genutzt werden können – für Wohnungen aus Sozialprogrammen damals ein beachtlicher Komfort. Der von Scharoun konzipierte Teil der Großsiedlung ist als sogenannte „Schiffsarchitektur“ und als ein Beispiel für den modernen Wohnungsbau in der Weimarer Republik bekannt geworden. Wegen seiner militärischen Anmutung wurde der Scharoun-Teil der Siemensstadt von den Berlinern in „Panzerkreuzer“ umgetauft.

Ein optisch herausragender Vertreter des sozialen Siedlungsbaus ist die aufgrund ihres Grundrisses so genannte Hufeisensiedlung in Britz, die zwischen 1925 und 1933 in sieben Bauabschnitten entstand. Hier wurden nicht nur industrielle und damit kostengünstige Bautechniken angewendet, sondern auch großer Wert auf eine markante Farbgebung gelegt. Auf einer Fläche von 29 Hektar befinden sich 1285 Wohnungen, die meist in dreigeschossigen Baukörpern liegen. Im ersten und zweiten Bauabschnitt wurden 472 Reihenhäuser mit einer eher idyllisch-dörflichen Anmutung errichtet. Andere Abschnitte wirken dagegen viel urbaner und bilden so einen erfrischenden Kontrast.

Die nächste Station auf der architektonischen Welterbe-Tour führt in die Gartenstadt Falkenberg. Ein Ausflug zu dieser Anlage ist besonders im Sommer reizvoll. In den Jahren 1913 bis 1916 erschufen die beiden Architekten Bruno Taut und Heinrich Tessenow hier eine Siedlung, die durch ihre einfache Schönheit und ihren ländlichen Charme besticht. Die Gärten und Außenanlagen gestaltete der Landschaftsarchitekt Ludwig Lesser. Die Anlage erstreckt sich auf einer Fläche von 44 Hektar und umfasst 128 Wohnungen. 2001 wurde das Ensemble renoviert – unter strikter Einhaltung des Denkmalschutzes. Besonders reizvolle Elemente sind die expressionistisch inspirierten bunten Farben und die kleinen verschlungenen Wege durch die Gärten. Die Gartenstadt ist bequem mit der S-Bahn Richtung Bahnhof Grünau zu erreichen. Mit Eröffnung des nahe gelegenen neuen Hauptstadtflughafens wird diesem Ort und der Gartenstadt sicher bald ein zweiter Frühling blühen.

WUSSTEN SIE, ...

... dass die sechs Siedlungen nicht nur architektonisch revolutionär waren, sondern vor allem der Arbeiterschaft ein neues, gesünderes Wohnen ermöglichten?

Bis dahin lebten viele Arbeiter vor allem in schlecht belüfteten, wenig hygienischen und dunklen Hinterhofquartieren. Die Siedlungen boten dagegen viel Grün und moderne Grundrisse.


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