Welterbe-Serie | 27.10.2017

Dessau – Ikone der Bauhaus-Moderne

Als das Bauhaus 1925 nach sechs Jahren Weimar verließ, fanden seine Väter in Dessau eine neue Heimat für ihre Schule. Das Bauhaus-Gebäude von Walter Gropius wurde zu einem wichtigen Bau der Moderne. Bis heute profitiert die Stadt in Sachsen-Anhalt vom geistigen und architektonischen Erbe aus den 1920er Jahren.

Jährlich strömen über 100 000 Touristen nach Dessau. Während die Stadt mit Bevölkerungsrückgang und Überalterung zu kämpfen hat, entdecken mehr und mehr Menschen aus der ganzen Welt Dessau als Reiseziel. Für viele der Besucher sind die UNESCO-Welterbestätten Bauhaus, Meisterhäuser und das Dessau-Wörlitzer Gartenreich, aber auch das Naturerbe Biosphärenreservat „Mittlere Elbe“ fester Bestandteil ihres Aufenthalts. Dabei wird die Wirkung der Marke „UNESCO“ auf den Tourismus besonders deutlich.

 

 

Interview

Nicht nur in der Theorie

Peter Kuras, Oberbürgermeister der Stadt Dessau-Roßlau, spricht im Interview mit X-press über ­Geschichte, ­Gegenwart und Zukunft seiner Stadt.

Peter Kuras

Ganzheitliches Denken

Zu verdanken hat die Stadt ihre Anziehungskraft vor allem der Architektur des Bauhausgebäudes und weiterer Bauwerke, die ihr optisch den Stempel der Moderne aufprägen. Aber nicht nur die äußere Form, sondern auch die Institution Bauhaus wurde von der UNESCO ausgezeichnet. Die Bauhaus-Idee umfasste nämlich das ganzheitliche Konzept eines modernen Lebens und versuchte, soziale Fragen, industrielle Fertigung und nicht zuletzt die einzelnen Künste zu integrieren. Das Bauhaus wurde damit auch zum Ideengeber und Inspirator einer neuen Gesellschaft.

eine neue gesellschaft gestalten

Dessau ist zu der Stadt geworden, die in der Wahrnehmung am intensivsten mit dem Bauhaus verbunden ist. In den Jahren zwischen 1925 bis 1932 erlebte die von Walter Gropius begründete Hochschule ihre große Zeit. Drei wichtige Bauhaus-Protagonisten – Hannes Meyer, Ludwig Mies van der Rohe und Walter Gropius – haben sich mit ihren Entwürfen in Dessau verewigt. Vor allem aber sind alle hier entstandenen Bauten zu wahren Leuchttürmen des Bauhaus-Stils und zu prägenden Symbolen der modernen Architektur des 20. Jahrhunderts geworden.

Das Bauhaus wollte gleichsam an der modernen Gesellschaft selbst bauen und ihr damit die passende Form geben, in der sie leben kann.

Der Anspruch, auch gesellschaftspolitisch mitzugestalten, ließ sich in Dessau am besten umsetzen. In der Stadt boomte eine industriell geprägte Wirtschaft. Als das Bauhaus dem thüringischen Weimar aus politischen Gründen den Rücken kehren musste, bewarben sich auch Frankfurt am Main, Magdeburg und Darmstadt als Sitz der Bauhaus-Hochschule für Gestaltung. Doch Dessau konnte sich gegen diese mächtige Konkurrenz durchsetzen. Die wichtigsten Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zogen hier alle an einem Strang. Und so konnte bereits im Jahr 1926 ein neues Hochschulgebäude in Dessau seiner Bestimmung übergeben werden.

magnetische anziehungskraft

Die Eröffnungsveranstaltung erweckte weltweites Interesse und zog Aufmerksamkeit auf die Stadt. Über 1500 Gäste reisten zu dem Empfang an. Nach dem prägenden Erlebnis des Ersten Weltkriegs entstand besonders unter den Anhängern des Bauhauses der Wille, das gesamte gesellschaftliche Leben neu zu überdenken. Auch die Art des Lernens sollte eine von Grund auf andere werden. Studenten sollten ihre Kreativität direkt in der Arbeit mit konkreten Materialien entfalten, nicht nur theoretisch. Der Industrie würde bei dieser Wissensvermittlung eine besondere Rolle zukommen.

Aus diesen Überlegungen heraus entstand das Konzept und das Bild des Bauhauses, das bis heute gilt: von den Stahlmöbeln von Marcel Breuer und den Aschenbechern von Marianne Brandt bis zum Kassenschlager Bauhaustapete. Die Strahlkraft, die das Bauhaus für Dessau entwickelte, übertraf dann auch alle Erwartungen.

Junge Menschen, Künstler, Architekten, Intellektuelle und Wissenschaftler belebten zahlreich die Stadt. Der Anspruch des Unterrichts wuchs mit dem Zustrom talentierter Studenten. Fächer wie Ingenieurswissenschaften, Psychologie oder Betriebswirtschaftslehre wurden in das theoretische Repertoire aufgenommen. Und: Die Studenten verließen die Universität mit einem Bauhausdiplom. Es entstand ein ganz eigener Bauhaus- Kosmos im und um das Hochschulgebäude.

Die Studenten wohnten im Atelier, im Werkstattflügel wurde an Industriemaschinen gearbeitet, in der Mensa gemeinsam gegessen und im Gymnastikraum trainiert. Für die Meister entstand mit den Meisterhäusern hingegen ein eigener Wohnkomplex als Ort des Rückzugs. Die ersten Bewohner dieser Lehrresidenzen waren Oskar Schlemmer, Walter Gropius, Georg Muche, László Moholy-Nagy, Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky und Paul Klee. Es war die Geburt einer „Künstlersiedlung“, denn oft kamen Freunde und Gäste zu Besuch, die das kulturelle Leben der Bauhäusler bereicherten.

radikaler anspruch

Dieses kreative Sammelbecken wurde von der Stadtverwaltung gefördert. Auch mit städtischen Bauaufträgen: So wurde Walter Gropius mit dem Bau der Siedlung Dessau-Törten und des Arbeitsamts beauftragt, Hannes Meyer mit den Laubenganghäusern und Carl Fieger mit dem Ausflugslokal „Kornhaus“. Ein besonderes Schmuckstück hatte Mies van der Rohe zu verantworten: die Trinkhalle an den Meisterhäusern.

Als Walter Gropius im Jahr 1928 die Hochschulleitung an Hannes Meyer übergab, ging damit eine Radikalisierung des politischen Anspruchs einher. Die Frage, wie Objekte, Wohnungen und Möbel für die Masse finanzierbar werden, rückte in den Fokus. Neben den Volkswohnungen und den Laubenganghäusern gaben weitere architektonische Vorhaben Beispiele, wie man der Idee von kollektivem Wohnen mit sozialem Anspruch gerecht werden konnte. Im Jahr 1930 wurde der Marxist Meyer dann von seinen Aufgaben als Schulleiter entbunden. Der Politik waren seine Ideen nicht mehr ganz geheuer. Der als Nachfolger eingesetzte Mies van der Rohe wandte sich wieder mehr von der sozialen Frage ab.

Als schließlich die Nationalsozialisten in der Dessauer Stadtverwaltung über eine Mehrheit verfügten, schlug auch für die Hochschule für Gestaltung die letzte Stunde: Am 30. September 1932 wurde die Schließung des Bauhauses beschlossen, 1945 wurde das Gebäute teilweise zerstört.

die idee lebt weiter

Doch die Idee des Bauhauses lebte weiter. Und die Studenten, die aus 29 Ländern nach Dessau gekommen waren, trugen nicht nur die Grundgedanken des Bauhauses in alle Welt, sondern auch den Namen der Stadt, die ihrer Schule eine Heimat gegeben hatte. Weder der Nationalsozialismus noch der Zweite Weltkrieg noch das kommunistische DDR-Regime konnte das Bauhaus und die Stadt Dessau voneinander trennen oder die Erinnerung schmälern. 1976 schließlich erfolgte dann doch eine Rekon­struktion des Bauhausgebäudes.

Nach der Wiedervereinigung nahm sich die „Stiftung Bauhaus Dessau“ dem Erbe an. Der Bund, das Land und die Stadt gehören zu ihren Förderern und sie kümmert sich bis heute um die Bauten, die Sammlung und das historische Erbe des Bauhauses und seiner Protagonisten.

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