Welterbe-Serie | 29.09.2017

Macht und Niedergang des Reichsklosters Lorsch

Schon kurz nach seiner Gründung errang das Kloster Lorsch Macht, Reichtum und wissenschaftliche Bedeutung. Der Niedergang kam mit der Reformation und dem Dreißigjährigen Krieg. Die Ernennung zum UNESCO-Welterbe macht das Kloster zur touristischen Attraktion.

Die zahlreichen Ländereien, die einst zum Besitz des Reichsklosters Lorsch gehörten, erstreckten sich von der niederländischen Nordseeküste bis in die Schweiz. Unschätzbar bedeutsam war aber auch der geistige Schatz, der einmal innerhalb der Klostermauern lagerte. Denn neben den kostbaren Reliquien des Klosters kommt vor allem der Klosterbibliothek eine ganz besondere Bedeutung zu. Sie war die Basis dafür, dass Lorsch im Mittelalter neben einem klerikalen auch zu einem Zentrum der Wissenschaft und der Kultur wurde. Als die Abtei im Dreißigjährigen Krieg geplündert wurde, fiel dem Chaos auch die Bibliothek zum Opfer: Der Lorscher Bücherschatz ist heute über die ganze Welt verteilt.

anfänge vor 1200 Jahren

Die wechselvolle Geschichte dieses wirtschaftlich und geistig bedeutsamen Klosters beginnt vor mehr als 1200 Jahren im Jahr 764. Gründer des Klosters war Cancor, Gaugraf vom Rheingau, aus dem Geschlecht der Robertiner. Im achten Jahrhundert wurde die Anlage um eine Kirche, die dem heiligen Petrus geweiht wurde, ergänzt.

Unter Bischof Chrodegang kamen 764 die ersten Mönche ins Kloster. Die Bedeutung des Klosters wuchs gewaltig, als schon ein Jahr später durch eine Schenkung eine ganz besondere Kostbarkeit in den Klosterbesitz überging: Als eines der ersten Klöster überhaupt im Frankenreich verfügte Lorsch nun nämlich mit den Reliquien des heiligen Nazarius über die sterblichen Überreste eines römischen Heiligen. Weitere bedeutsame Schenkungen folgten und das Kloster wurde schnell zum Ziel zahlreicher Pilger.

schutzherr karl der große

Bereits 765 wurde deutlich, dass eine größere Kirche gebaut werden musste, um den Ansturm zu bewältigen. Unverzüglich begann man mit den Arbeiten. Nach dem Tod von Chrodegang und dessen Bruder brach ein Streit über die Besitzansprüche des Klosters aus. Das Hofgericht Karls des Großen entschied, dass die Besitztümer Abt Grundelang zuzusprechen seien – eine weitreichende und weitsichtige Entscheidung mit Folgen für die Zukunft des Klosters. Um die rechtliche Unantastbarkeit des Klosters auch in Zukunft sicherzustellen, übertrug der Abt das Kloster im Jahr 772 schließlich dem Kaiser.

Damit war die Umwandlung eines Eigenklosters in eine Reichsabtei mit allen Konsequenzen vollzogen: So wurde dem Kloster Immunität gewährt und das Recht, seine Äbte selbst zu bestimmen, garantiert. Doch es war auch die Verpflichtung damit verbunden, sogenannte Königsdienste zu leisten, wie zum Beispiel jährliche finanzielle Abgaben und auch militärische Unterstützung für das Herrscherhaus. Natürlich war das Kloster auch zur Versorgung des Herrschers und seiner Entourage verpflichtet, wenn er die Umgebung bereiste. Unter diesen neuen Rahmenbedingungen gedieh Lorsch außerordentlich gut. Dazu kamen weitere Schenkungen des Kaisers wie das Dorf Oppenheim und die Mark Heppenheim. Im Jahr 774 wurde die neue Klosterkirche fertiggestellt und zur Basilika Petrus und Paulus geweiht.

Die Grundlagen der später so bedeutsamen Bibliothek mit dem Skriptorium wurden unter Abt Richbod im Jahr 784 gelegt. Bis zur Auflösung des Klosters nach Durchsetzung der Reformation in der Kurpfalz wuchs der Bestand der Bibliothek stetig. Zahlreiche Gelehrte und Professoren kamen nach Lorsch, um in der Bibliothek humanistische Schriften des 15. und 16. Jahrhunderts zu studieren. Kein Wunder also, dass der Kurfürst bei der Auflösung des Klosters ein besonderes Interesse an den Beständen der Bibliothek hatte. Er übernahm die zu diesem Zeitpunkt noch vorhandenen Bücher und Schriften in seine Hofbibliothek.

Das Jahr 1621 brachte dem Kloster die bauliche Verwüstung. Spanische Truppen zogen marodierend durch die Anlagen und brannten alles nieder. Was übrig blieb, wurde in den nächsten Jahrzehnten von den Bürgern als Steinbruch benutzt und abgetragen.

Die Königshalle war eigentlich das Einzige, was nicht dem Feuer zum Opfer fiel. Ende des 17. Jahrhunderts erfolgte der Umbau der Halle im barocken Stil. In den folgenden Jahren geriet das Kloster aber mehr und mehr in Vergessenheit.

Schatzsuche auf dem friedhof

Nur der kurmainzische Oberforstmeister Freiherr von Hausen konnte den Mythos Lorsch nicht vergessen. Er hatte einen Traum, der sich um die unzähligen Legenden der Anlage drehte. Von Hausen kaufte das ganze Gelände in der Absicht, einen sagenhaften Schatz zu heben: den goldenen Sarkophag des heiligen Nazarius. Als sich der Freiherr und seine Angestellten jedoch durch die Erde wühlten, fanden sie kein Gold, sondern nur Särge aus Stein. Diese machte er frustriert zu Geld. Sie endeten schließlich als Schweinetröge auf den Bauernhöfen in der Nachbarschaft. Nur einen bewahrte der Oberforstmeister auf: einen mit ionischen Pilastern wundervoll verzierten Sarkophag. Dieser findet sich heute am Eingang des Klostermuseums. Wieder blieben die Klosteranlage und ihre Legenden lange Jahre sich selbst überlassen.

Neuanfang mit bundeshilfe

Erst neue Ausgrabungen zwischen 1927 und 1933 rückten das Kloster wieder in den Fokus der Öffentlichkeit. Im Jahr 1935 begann man die Königshalle nach und nach zu restaurieren. Mit der Aufnahme von Lorsch in die UNESCO-Welterbeliste 1991 begann ein weiteres Kapitel in der Geschichte der alten Gemäuer. Seither haben sie sich als touristisches Highlight an der südhessischen Bergstraße etabliert.

Das Museumszentrum wird heute gemeinsam von der Stadt Lorsch, dem Land Hessen und dem Heimat- und Kulturverein betrieben. Ein großer Teil des Museumszentrums ist für die Klosterhistorie reserviert, andere Teile beherbergen ein Tabakmuseum und die Abteilung für Volkskunde des Hessischen Landesmuseums. Die klostergeschichtliche Abteilung bietet eine gute Übersicht über das karolingische Großreich, vom Leben als Mönch bis zur besonderen Verbindung von Politik, Kirche und Wirtschaft. Auch der Sakralarchitektur und der Zierkunst ist eine Ausstellung gewidmet. Durch ein Investitionsprogramm der Bundesregierung mit einem Budget von 15 Millionen Euro konnte die Anlage zum „Welterbeareal Kloster Lorsch“ erweitert werden. Im Freilichtlabor Lauresham wird der Alltag im frühen Mittelalter erlebbar.

Ende 2015 wurde das Schaudepot Zehntscheune eröffnet, in dem Ausgrabungsfunde vor Ort betrachtet werden können. Neben den erhalten gebliebenen historischen Teilen – einem Stück der Mauer, einem Fragment der Nazarius-Basilika, derGrablege Ludwigs des Deutschen und der Königshalle – entsteht am Kloster durch das Investitionsprogramm nun eine Art Themenpark mit sechs verschiedenen Modulen.

Eine Kupferansicht aus dem 16. Jahrhundert, die zeigt, wie die Klosteranlage einst ausgesehen hat, ist die Basis für die Arbeiten, die das Klosterleben von einst wieder erfahrbar machen sollen. Ein Rundweg über drei Kilometer geht bis in die Weschnitzauen, wo 764 das Gründungskloster Altenmünster erbaut wurde, und führt weiter nach Lauresham, wo sich zu karolingischer Zeit ein fränkisches Dorf befand. Sogar die Natur soll wieder in ihren ursprünglichen Zustand gebracht werden: Ein Projekt sieht zum Beispiel die Rückzüchtung von Auerochsen vor.

Wussten Sie, ...

... dass im Kloster Lorsch zahlreiche Veranstaltungen unter dem Motto „Mittelalter zum Mitmachen“ das Eintauchen in mittelalterliche Lebenswelten ermöglichen?

So gibt es im Oktober 2017 beispielsweise Workshops zum Spielen im Mittelalter oder zur mittelalterlichen Schmiedekunst und es wird der Frage nachgegangen, was Karl der Große wohl gegessen haben mag.

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