Titelthema Kanzler, Kurse, Konjunktur | 25.08.2017

Angela Merkel: Von Kohls Mädchen zur wichtigsten Frau der Welt

Die Amtszeit Angela Merkels begann mit einem Paukenschlag. Politische Feinschmecker bekamen in der sogenannten Elefantenrunde am Abend der Bundestagswahl ein Lehrstück über taktisches politisches Verhalten geboten. Gerhard Schröder zeigte alles, was Adrenalin oder Emotion bieten können. Angela Merkel präsentierte sich gewohnt ruhig und gelassen. Wie auch manchmal an der Börse lohnte es sich, so zeigte sie es, einfach abzuwarten.

Denn der Abgewählte bestand in jener Elefantenrunde mit den Spitzenkandidaten anderer großer Parteien darauf, vom damaligen ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender immer noch als Kanzler angesprochen zu werden. Das war inhaltlich richtig, dennoch redete sich Schröder um Kopf und Kragen. Insofern gilt der Abend als lehrreich in Sachen einer Psychologie, von der auch Börsianer viel lernen können. Denn ein kühler Kopf entscheidet in der Politik und auch am Aktienmarkt. So entstand das was, Schröder am Abend noch verneinte: eine Große Koalition unter der Führung Angela Merkels, der ersten Bundeskanzlerin. Der Dax hatte am Tag vor dem Amtsantritt Angela Merkels am 22. November 2005 bei 5170,61 Punkten geschlossen.

 

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Spätfolgen Neuer Markt

Von ihr stammt das geflügelte Wort, dass das „Internet für uns alle Neuland“ sei. Ende der Neunzigerjahre unter ihrem Vorgänger Gerhard Schröder war für viele Anleger Börse im Fernsehen Neuland. Doch schnell wurden die Börsensendungen 3satbörse und die etliche Male am Tag ausgestrahlte Telebörse auf n-tv für ein Millionenpublikum zu einem Pflichttermin. Börsenreporter wie Friedhelm Busch, Raimund Brichta oder Markus Koch waren jedem Börsianer geläufig.

Börsianer tauschten sich außerdem in Foren über die neuesten Aktien und Zertifikate aus und auch Faxabrufe erfreuten sich großer Beliebtheit. Ebenso populär war es, bei Börsengängen von seiner Hausbank ein paar Stücke der begehrten Titel am Neuen Markt zugeteilt zu bekommen. Das Unterhalten von mehreren Depots bei verschiedenen Banken wurde zum Volkssport, befeuert durch den Börsengang der Deutschen Telekom. Bei Amtsübernahme von Angela Merkel im Jahre 2005 war der Börsenhype jedoch schon stark abgeflaut und konnte auch durch einen Sprint auf ein Rekordhoch oberhalb der 8000 Punkte nicht mehr zum Leben erweckt werden. Zu heftig waren die Einbußen der ehemaligen Highflyer.

Finanzkrise beginnt

Hinzu kam 2007 eine Verschärfung der Immobilienkrise in den USA. Damit nahm die Rally ihr Ende und es folgte im Jahr 2008 nicht nur die Finanzkrise, sondern auch ein Absturz des Index bis zum Tief am 6. März 2009 bei 3666,41 Punkten – das war ein Rückgang um herbe 55 Prozent gegenüber dem vorherigen Rekordhoch vom Juli 2007. Zum Vergleich: Dies entspräche nach heutigen Maßstäben einem Absturz auf 5828 Punkte gegenüber dem Spitzenwert vom 20. Juni 2017.

Sparern musste die Regierung Merkel am 5. Oktober 2008 sogar eine Garantieerklärung für ihre Spareinlagen in Deutschland geben. Sie galt für jeden Sparer eines Instituts, das Teil der deutschen Einlagensicherung war. Zudem setzte die Kanzlerin im Januar 2009 die Einführung der Abwrackprämie durch, um die stark unter Druck geratene Autoindustrie zu stützen. Während ihrer Amtszeit hat Merkel etliche Positionen aufgegeben, die vorher in der CDU unverrückbar schienen. Wenige Tage nach der Atomkatastrophe in Fukushima im März 2011 kündigte Merkel eine völlige Abkehr von der vorherigen Atompolitik an, nachdem die Regierung noch im Oktober 2010 die Laufzeiten aller 17 damals aktiven deutschen Kernkraftwerke verlängert hatte. Von dieser 180-Grad-Wende erholen sich die Versorger E.ON und RWE erst allmählich. In den Folgejahren musste die Kanzlerin zudem die Schuldenkrise in der Euro-Zone energisch bekämpfen und den Austritt Großbritanniens aus der EU (Brexit) verhandeln.

Nullzinspolitik als Antwort in der Krise

Eine Folge der Finanz- und Euro-Krise ist die Nullzinspolitik der EZB, deren Chef Mario Draghi die Euro-Rettung wie die Kanzlerin an erste Stelle gestellt hat. Seine berühmte Äußerung vom 26. Juli 2012 auf einer Konferenz in London ließ die Euro-Krise allmählich abflauen: „Die EZB wird alles Notwendige tun, um den Euro zu erhalten. Und glauben Sie mir, es wird genug sein.“ Danach konnte sich auch der Dax nach Rückschlägen immer wieder erholen. Er hat sich in Merkels bisheriger Amtszeit mehr als verdoppelt. Den Höhepunkt erreichte der Index am 20. Juni 2017 mit dem Rekordstand von 12 951,54 Punkten, den er im Handelsverlauf erklimmen konnte. Im Juni stiegen außerdem die Dax-Werte SAP, Henkel, Beiersdorf und Fresenius auf neue Rekordnotierungen und im August kam noch Adidas hinzu. Bei zahlreichen anderen Dax-Titeln ist die Rekordnotierung seit der Hausse nach der Finanzkrise ebenfalls nicht lange her. Bayer etwa erreichte diese Marke im April 2015, steht aber auch für einen anderen Rekord, nämlich für die bisher größte Übernahme durch einen deutschen Konzern: Nach langem Hin und Her übernimmt Bayer das US-Pflanzenschutzunternehmen Monsanto für 66 Milliarden US-Dollar.

 

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Continental und Infineon kehren in den DAX zurück

Die Dax-Historie ist aber auch aus anderen Gründen sehr bewegt. In den vergangenen Jahren gab es etliche Auf- und Absteiger und manche kehrten wieder in den Dax zurück. So musste sich Continental am 22. Dezember 2008 aus dem Index verabschieden, nachdem der viel kleinere Konkurrent Schaeffler einen Großteil der Continental-Aktien gekauft hatte, wodurch der Börsenwert des Free Floats, also der umlaufenden Continental-Aktien, zu gering war. Continental wurde damals durch Beiersdorf ersetzt. Dem Autozulieferer gelang am 24. September 2012 die Rückkehr in den Dax. Bereits im September 2009 hatte der Halbleiterhersteller Infineon nach sechsmonatiger Abstinenz den Wiederaufstieg in den Index geschafft.

Nun warten viele Anleger gespannt auf die Bundestagswahl. Nicht zuletzt aufgrund der anhaltend guten Konjunktur scheint Angela Merkel eine Favoritenrolle einzunehmen. Die Wirtschaftslage, so die Ansicht des Researchs der Deutschen Bank, spreche für sie. Die Wirtschaft hat die politischen Risiken verkraftet. Die Beschäftigung in Deutschland ist bisher 2017 ähnlich deutlich gestiegen wie im Vorjahr und dürfte den Konsum unterstützen. Die Inflation steigt nur moderat und auch Frühindikatoren wie der ifo-Geschäftsklimaindex signalisieren eine robuste Wirtschaftsentwicklung.

Bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe lag die CDU in den Umfragen vor ihrem Koalitionspartner. Sollte Angela Merkel sich tatsächlich gegen den SPD-Spitzenkandidaten Martin Schulz durchsetzen können und wiedergewählt werden, wäre sie genauso lange im Amt wie ihr Ziehvater Helmut Kohl, der 16 Jahre regiert hatte. In diesem Fall dürfte auch die Elefantenrunde deutlich entspannter werden als 2005.

Dax in der Ära Merkel

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