Titelthema Kanzler, Kurse, Konjunktur | 25.08.2017

Gerhard Schröder und der Crash von 2000

Für den Wechsel einer Regierung braucht es gewöhnlich vor allem eines – Wechselstimmung. 1998 konnte man diese Stimmung förmlich mit den Händen greifen.

Die Republik war müde nach 16 Jahren Kohl‘scher Kanzlerschaft und auch der Einheitsbonus acht Jahre später verspielt. Dagegen rüttelte Gerhard Schröder nicht nur am Tor des Kanzleramts, er strahlte auch aus, was einen potenziellen Regierungschef entscheidend ausmacht: den Willen, es zu werden. Zum ersten Mal wurde bei den Bundestagswahlen eine Regierung komplett abgewählt und Schröder wurde als dritter Sozialdemokrat nach Willy Brandt und Helmut Schmidt Bundeskanzler. Ein Novum war auch der Regierungseintritt der Grünen. So wurde der Grünen-Abgeordnete Jürgen Trittin Umweltminister, beschloss Atomausstieg und Ökosteuer. Als ausgewiesener Atomkraftgegner musste er sich als Minister aber dennoch gegen Gleichgesinnte stellen und die Atommülltransporte in Deutschland zulassen. Das neue rote politische Glück, visualisiert im Arm-in-Arm-Gruppenfoto von Schröder, Lafontaine und Gattinnen an der Saarschleife, bekam aber schnell Risse. Bereits im März 1999 legte Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine – kurz zuvor von englischen Medien als „gefährlichster Mann Europas“ tituliert – sein Amt nieder. Streitigkeiten um seinen wirtschafts- und steuerpolitischen Kurs führten zum Rücktritt. Dieser sorgte gleichzeitig für ein Kursfeuerwerk auf dem Parkett, als der Dax am selben Tag um bis zu sieben Prozent und der Euro um zwei Prozent zulegen konnten – ein Fest für alle Anleger, die „long“ engagiert waren.

Turbulente Börsenzeiten

So steil, wie es seit 1998 bergauf ging, so dramatisch verlor der Dax bis zum Frühjahr 2003 rund 70 Prozent seines Wertes. Erst danach begann eine nachhaltige Börsenerholung. In den letzten Jahren des vergangenen Jahrtausends herrschte, angetrieben durch den Börsengang der Telekom 1996, eine Hochstimmung, die in zahlreichen Börsengängen gipfelte. Nicht jede Firma war damals reif für die Börse und so verschwanden viele auch schnell wieder vom Kurszettel.

Allein im Jahr 2000 gab es noch drei der zehn größten Börsengänge in Deutschland: Deutsche Post, Infineon und T-Online.

 

Infineon Discount-Zertifikat

 

Denkwürdig war dabei der Auftritt von Infineon-Chef Ulrich Schumacher beim Börsendebüt der Siemens-Tochter am 13. März 2000. Der passionierte Rennfahrer fuhr mit einem silbernen Porsche-Rennwagen vor die Frankfurter Börse, einen ähnlichen Auftritt gab es außerdem noch an der Wall Street. Der Erfolg war aber auch in Zahlen abzulesen: Der Halbleiterhersteller erlöste 5,4 Milliarden Euro, was damals das zweitgrößte IPO an der Frankfurter Börse bedeutete.

In die Ära Schröder fällt die Euro-Einführung, zunächst am 1. Januar 1999 als Buchgeld. Drei Jahre später standen in der Silvesternacht in zwölf Ländern, trotz klirrender Kälte, Tausende für die ersten Euro-Scheine an den Geldautomaten Schlange.

Politisch waren die Jahre der Kanzlerschaft von Gerhard Schröder ebenfalls sehr turbulent. 1999 beteiligte sich die Bundeswehr am Kosovo-Einsatz der NATO, 2001 gab es den verheerenden Terroranschlag in New York mit dem anschließenden Krieg im Irak. Dem verweigerte sich Schröder, was einerseits die Beziehungen zu den USA belastete, ihm andererseits aber innenpolitisch Rückenwind gab.

Legendäre Elefantenrunde

Nach der verlorenen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Frühjahr 2005 entschied sich Schröder überraschend für vorgezogene Neuwahlen, da er im Bundesrat keine Mehrheit mehr hatte. Nun war er selbst Opfer einer Wechselstimmung geworden. Bei der Bundestagswahl im September 2005 mauserte sich die CDU/CSU-Fraktion wieder zur stärksten politischen Kraft. Rein rechnerisch konnte es nur eine Große Koalition geben, in der der Wahlsieger den Kanzler stellt. In einer unvergessenen TV-Runde noch am Wahlabend mit allen Spitzenkandidaten erklärte sich Schröder entgegen der Faktenlage zum Wahlsieger und griff Oppositionsführerin Angela Merkel und die anwesenden Journalisten heftig an.

Dax in der Ära Schröder

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