Titelthema Kanzler, Kurse, Konjunktur | 25.08.2017

Helmut Kohl - Kanzler von Ost bis West

Ob Helmut Kohl ohne die deutsche Wiedervereinigung die zweiten acht Jahre seiner Amtszeit erlebt hätte, ist mehr als fraglich. Denn im Jahr 1989 war die deutsche Wirtschaft alles andere als prosperierend.

Kohl selbst hatte einen ihm gegenüber kritisch eingestellten Parteitag in Bremen überstanden, auf dem er vom CDU-Generalsekretär Heiner Geißler und Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Späth angezählt wurde und der Altkanzler gesundheitlich keineswegs auf dem Damm war. Er hatte zuvor eine Operation über sich ergehen lassen müssen und quälte sich durch die Veranstaltung. Dort war einmal mehr zu sehen, wie zäh der Pfälzer war.

So konnte er die CDU in den Bundestagswahlkampf 1990 führen, in dem Oskar Lafontaine vor unbedachten Folgen der Einheit warnte – zu Recht, wie man heute weiß. Auch der letzte Staatsbank-Vizepräsident der DDR, Edgar Most, warnte Kohl mehrmals davor, den Währungsübergang so zu gestalten, wie man es in Bonn vorsah. Ihm war klar, dass die Wirtschaft der DDR binnen mehrerer Monate völlig zum Erliegen kommen würde. In der Euphorie der Wiedervereinigung wischte Kohl solche Bedenken vom Tisch. Der Dax hatte sich zur Vereinigung übrigens etwas vom Crash von 1987 erholt und notierte bei 1750 Punkten.

Kohl als Kanzler des Saumagens

Ähnlich wie manche Aktie wurde der Oggersheimer von Beobachtern lange unterschätzt und als provinziell verspottet. Dabei war Kohl in den 70ern für die damalige CDU sogar dynamisch und fortschrittlich. Auf dem Weg zur Macht stand ihm die sozialliberale Koalition unter Kanzler Schmidt im Weg. Die Zeichen standen bei der FDP auf Wechsel und so führte ein Konzeptpapier der FDP unter Otto Graf Lambsdorff zum Bruch der Koalition mit der SPD.

Die FDP näherte sich dem Neoliberalismus an, der Anfang der Achtzigerjahre als vorherrschendes Modell aus den USA in der europäischen Politik Einzug hielt. Kohl wurde als Kanzler vereidigt und sicherte sich seine Kanzlerschaft über Neuwahlen ab, indem er über den Umweg der Vertrauensfrage den Bundestag auflöste. Bei der Bundestagswahl 1983 erzielte Kohl mit 48,8 Prozent das zweitbeste Ergebnis der Parteigeschichte.

 

GLOBAX INDEX-ZERTIFIKAT

 

Wirtschaftspolitisch waren die Kohl-Jahre, abgesehen von der Wiedervereinigung und deren Folgen, eher unspektakulär. Zu großen Reformen, wie von der FDP vorgesehen, kam es nicht.

Kritiker sehen in der Kohl-Zeit teils verlorene Jahre, deren Reformstau erst durch die Hartz-Reformen und Kanzler Schröder angegangen wurde. Aus Börsensicht war diese Zeit ereignisreich und trotz einiger Rückschläge erfolgreich. So lag die Performance des Dax kurz vor Ende der Amtszeit Kohls bei rund 1000 Prozent. Am Ende verabschiedete sich der Pfälzer mit rund 800 Prozent.

Wenn man die Performance des Dax für die Amtszeit ausrechnet, wendet man einen theoretischen Kniff an, denn obwohl der Index aus den Gedanken der Börsianer nicht mehr wegzudenken ist, wurde erst 1988 in der bekannten Form aus der Taufe gehoben. Er trat damit in die Fußstapfen des Index der Börsen-Zeitung und wurde für den 30. Dezember 1987 mit 1000 Punkten indiziert. Exakt die Hälfte der heutigen Dax-Besetzung war seit Beginn ununterbrochen im Index: Allianz, BASF, Bayer, BMW, Commerzbank, Daimler, Deutsche Bank, E.ON, Henkel, Linde, Lufthansa, RWE, Siemens, thyssenkrupp und Volkswagen.

DAX-Start in turbulentem Umfeld

Dabei wurde der Dax in ein schwieriges Börsenumfeld geboren. In den USA hatte die wirtschaftsfreundliche Reagan-Regierung die Börsen auf neue Rekorde steigen lassen. Der ehemalige Schauspieler und, als Gouverneur Kaliforniens, Vorgänger von Arnold Schwarzenegger trieb als Präsident die Liberalisierung nach den Wünschen der Wall Street voran und senkte die Steuern auf breiter Front. Beflügelt vom neuen elektronischen Handel kannten die Börsen bis 1987 nur eine Richtung: aufwärts.

 

Siemens Aktienanleihe

 

Der 19. Oktober 1987 ging dann als „schwarzer Montag“ in die Börsengeschichte ein. Der Dow Jones Industrial büßte an einem Tag 22,6 Prozent seines Börsenwerts ein. Alle Marktteilnehmer wollten binnen weniger Stunden nur noch aus dem Markt verschwinden. Der Schock hielt jedoch nicht lange an, denn in der Nachbetrachtung kann man verwundert feststellen, dass schon 1989 in Deutschland der nächste Börsentag mit einer Flucht der Aktionäre enden sollte.

Der Dax erlebte fast auf den Tag zwei Jahre später mit 12,81 Prozent Verlust den schwärzesten Tag seiner Geschichte. Zuvor hatte das Fusions- und Übernahmefieber die Kurse getrieben. Das Volumen an kreditfinanzierten Übernahmen war Ende der Achtzigerjahre extrem hoch und übertraf das Niveau vor der Finanzkrise 2007.

Als 1989 die geplante Übernahme von United Airlines scheiterte, weil die Banken die Finanzierung verweigerten, machte sich an der Börse Unbehagen breit. Zunächst wurden die Aktien von Übernahmekandidaten auf den Markt geworfen, mit deren Vorschusslorbeeren bei den Anlegern Kasse gemacht wurde. In Deutschland hielt zu dieser Zeit der Computerhandel Einzug. 1989 wurde die Deutsche Terminbörse gegründet (DTB), deren Rechtsnachfolger heute die EUREX ist.

Feldmühle-Nobel, Hoechst und Mannesmann – wehmütiger Blick zurück

Bei vielen Aktionäre dürften einige Aktien dieser Zeit völlig aus dem Gedächtnis verschwunden sein. Wie wäre es zum Beispiel mit Feldmühle Nobel? Die Papierproduktion war seinerzeit ein sehr einträgliches Geschäft und Feldmühle zählte zeitweise zu den zehn umsatzstärksten Unternehmen der Bundesrepublik.

Die spätere Feldmühle Nobel Aktiengesellschaft ist ein Teil der deutschen Wirtschaftsgeschichte. 1985 verkaufte der Industrielle Friedrich Karl Flick sein Firmenimperium an die Deutsche Bank, die Teile veräußerte und die Unternehmen Feldmühle, Buderus und Dynamit Nobel ab 1986 an die Börse brachte. Ein Sprengstoffhersteller war also von Beginn an im Dax vertreten. Aber wie sieht es mit Dienstleistungs-, Handels- oder Softwareunternehmen aus? Während diese Aktien in den US-Indizes breit vertreten sind, ist der Dax nach wie vor industriell geprägt. Ein Klassiker der deutschen Markenlandschaft, Adidas, fand beispielsweise erst 1998 Aufnahme in den Index. Andere Schwergewichte des Dax mussten aufgrund von Übernahmen und Fusionen die Segel streichen.

Goodbye dank Übernahme

Für Hoechst bedeutete der Zusammenschluss mit dem französischen Rivalen Rhône-Poulenc das Ende in der ersten Börsenliga. Der Sitz des neuen Unternehmens Aventis liegt in Straßburg. Vodafone übernahm den eigentlichen Röhren- und Maschinenbaukonzern Mannesmann mit seiner Mobilfunksparte für einen Rekordpreis von 190 Milliarden Euro. Der genuine Markenkern ging an die Salzgitter AG.

Wirtschaftlich machte sich der industrielle Kern des Dax in der Kohl-Ära auch im starken Export bemerkbar. 1986 ging der Titel des Exportweltmeisters erstmals an die Bundesrepublik, die sich bis 1990 mit diesem Prädikat schmücken durfte. Mit den guten Geschäften im Export zogen die Aktienkurse in der Ära Kohl auch deutlich an. Einen bedeutenden Beitrag dazu lieferten auch die zahlreichen Börsengänge dieser Jahre. Während in den Achtzigejahren nur wenige Unternehmen den Weg auf das Parkett wagten, stieg ihre Zahl in den Neunzigerjahren an und explodierte ab 1996 mit dem Börsengang der Deutschen Telekom geradezu. In der Euphorie um die New Economy gründete sich das Börsensegment „Neuer Markt“ und lockte viele Menschen an die Börse. Auf seinem Höhepunkt waren rund 300 Aktien im Segment der Zukunftsbranchen gelistet.

Nachwehen Neuer Markt

Trotz der relativ jungen Gründung können die Dax-Aktien auf einiges an Geschichte zurückblicken. Bei Siemens geht diese bis in das Jahr 1847 zurück. Damit steht Siemens deutlich hinter Merck zurück, dessen Geschichte bis in das Jahr 1668 zurückgeht. Das reicht auch für den Rekord als ältestes pharmazeutisch-chemisches Unternehmen der Welt. Mit einem Doppelsitz in Berlin und München verbreitet die Holdinggesellschaft zumindest etwas gesamtdeutschen Charme. Denn auch fast 30 Jahre nach dem Fall der Mauer tut sich der Dax schwer mit dem Osten der Bundesrepublik. Ende der Neunzigerjahre machte sich mit Intershop eine Softwareschmiede aus Jena auf, das Börsenparkett zu erobern.

Dax in der Ära Kohl

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