Titelthema Kanzler, Kurse, Konjunktur | 25.08.2017

Helmut Schmidt - Der Krisenkanzler

Er galt als äußerst talentierter Politiker, aber während sein Vorgänger Brandt eng mit der politischen Öffnung nach Osteuropa verbunden ist und sein Nachfolger Helmut Kohl der Einheitskanzler war, fehlt bei Helmut Schmidt eine solch große historische Zuordnung.

Für viele Anleger war auch die Börsenzeit während der Kanzlerschaft Schmidts kein Hurra-Erlebnis. Der Aktienmarkt entwickelte sich eher unspektakulär seitwärts. Dabei hatte Schmidt zahlreiche Krisen zu meistern und hielt die Bundesrepublik in dieser schwierigen Zeit auf Kurs.

Als Krisenmanager sammelte er früh Erfahrungen und zeigte diese Qualität als Hamburger Innensenator während der großen Sturmflut 1962. Diese Bewährungsprobe half ihm auch während seiner Kanzlerschaft, als er die Folgen von Ölkrise und RAF-Terror sowie – gegen den Widerstand großer Teile der Bevölkerung – die Aufrüstung mit Mittelstreckenraketen bewältigen musste.

Enger Partner Frankreich

Schmidt hatte früh auf die Einbindung anderer europäischer Staaten zur Bewältigung der Wirtschaftskrise in den Siebzigerjahren gesetzt. Zwar beendete die OPEC 1974 den Ölboykott, aber die Auswirkungen waren noch Jahre später zu spüren. In vielen Industrieländern herrschte damals kaum Wachstum beziehungsweise Stagflation mit starker Inflation. Die Produktivität war gering und die Arbeitslosigkeit nahm rapide zu.

 

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Mit Frankreich fand Schmidt in dieser Zeit einen zuverlässigen Partner und zusammen mit dem damaligen französischen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing startete er 1975 die internationalen Wirtschaftsgipfel der führenden Industrieländer. Dort wurden gemeinsame wirtschaftspolitische Ziele formuliert, um die Weltwirtschaft wieder zu beleben sowie die gestiegene Inflation in den Griff zu bekommen. Die Nachfolgekonferenz dieser gemeinsamen Konsultationen der damals sechs führenden Nationen ist der heutige G7-Gipfel.

Schmidt und Giscard arbeiteten auch intensiv an der europäischen Einigung und vielleicht haben beide schon damals von der Einführung des Euro geträumt. Allerdings war Helmut Schmidt kein Visionär, sondern sachlicher Realpolitiker und Menschen mit Visionen wollte er lieber beim Arzt als in der Politik sehen. Für solche direkten Worte wurde er in der Bevölkerung geschätzt. Seine lockeren Sprüche brachten ihm den Spitznamen „Schmidt Schnauze“ ein. Auch Börsianer bekamen seine „Schnauze“ zu spüren. So war Schmidt der Meinung, dass die Aktienbörsen im Wesentlichen von Psychopathen bevölkert seien.

Schmidt war für die Aktienmärkte aber auch aus anderen Gründen kein Glücksfall, obwohl sich Aktionäre ganz zu Beginn seiner Amtszeit noch über Kursgewinne freuen konnten. Auffällig ist, dass es in der Regierungszeit von Helmut Schmidt keine Börsengänge von Dax-Unternehmen gab, die heute im Index vertreten sind. SAP war vorher und erst danach kam die Deutsche Börse.

Vorgänger des Euro startet

Dafür leistete er zusammen mit Giscard große Starthilfe für eine einheitliche europäische Währung. 1978 wurde das Europäische Währungssystem (EWS) aus der Taufe gehoben mit dem Ziel, feste Wechselkurse zwischen den beteiligten europäischen Ländern einzuführen. Doch nicht jedes Land in der damaligen Europäischen Gemeinschaft schloss sich dem EWS und seinem Wechselkursmechanismus an. Nur acht Teilnehmer waren von Anfang an dabei, bis schließlich tatsächlich für elf Länder eine europäische Einheitswährung mit 11 Ländern eingeführt wurde.

Edelmetallhausse

Ganz im Gegensatz zum Aktienmarkt erlebten Edelmetalle wie Gold und Silber einen Höhenflug während der Kanzlerschaft von Helmut Schmidt. Kapitalanleger flüchteten aufgrund der Wirtschaftskrise in diese vermeintlich sicheren Häfen. Der Goldpreis stieg von 1974 bis 1982 um knapp 140 Prozent, Ende Dezember 1979 überschritt die Feinunze zum ersten Mal die Marke von 500 Dollar. Dann ging alles sehr schnell. Im Januar 1980 erklomm Gold mit 873 Doller einen Rekord-Gipfel, der allerdings auch für knapp 30 Jahre Bestand haben sollte.

Während an den Kapitalmärkten die Krisenwährungen gefragt waren, musste Schmidt mit dem RAF-Terror eine der schwersten innenpolitischen Krisen meistern, was ihm mit der Befreiung des von Terroristen entführten Passagierflugzeugs „Landshut“ im heißen Herbst 1977 auch gelang.

Im Jahre 1980 konnte Schmidt seinen Herausforderer Franz Josef Strauß zwar noch bezwingen, aber die Auseinandersetzungen um den NATO-Doppelbeschluss schwächten zusehends seine Position.

In der eigenen Partei schwand der Rückhalt, auch unter den prominenten Parteigenossen wie Brandt oder Bahr, und es entstand eine breite Friedensbewegung, aus der später auch die Grünen hervorgegangen sind. Helmut Kohl stürzte Schmidt mithilfe der FDP dann im Oktober 1982 mit einem konstruktiven Misstrauensvotum. Diese Krise konnte er nicht mehr meistern.

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