Welterbe-Serie | 05.08.2017

Weimar – Klassik und Moderne

Gleich zwei Mal wurde Weimar mit dem UNESCO-Welterbestatus ausgezeichnet: So schafften es zum einen die Stätten des klassischen Weimar der Goethezeit in die prestigeträchtige Liste, zum anderen die des Bauhauses und der klassischen Moderne. Ein Spannungsbogen, der viele Besucher nach Thüringen zieht.

Weimar ist der geheime Superstar unter den Tourismus-Attraktionen in Deutschland. Seit Jahren werden die Übernachtungszahlen des Vorjahres regelmäßig übertroffen. So konnten im letzten Jahr mit 715 437 Übernachtungen die Marke von 700 000 geknackt und die Vorjahreszahlen damit erneut getoppt werden – mit einem Anstieg von 2,5 Prozent. Diese Angaben des Statistischen Landesamtes beziehen sich aber nur auf Hotels und Pensionen mit über 10 Betten. Da es in Weimar aber auch viele Mini-Pensionen und Ferienhäuser gibt, kann sogar von einem weit stärkeren Übernachtungsaufkommen ausgegangen werden.

Der mit 631 000 Übernachtungen weitaus größte Besucheranteil kommt aus Deutschland. Aber auch bei Ausländern wird die Kulturstadt Weimar immer beliebter. So konnte bei dieser Gruppe ein Zuwachs von 3,4 Prozent festgestellt werden. Besonders bei den Niederländern ist Weimar sehr populär, dann folgen Schweizer, Amerikaner und Österreicher. Seit dem letzten Jahr kommt zudem Gästegruppen aus Italien, den skandinavischen Ländern und China eine große Bedeutung zu.

klassik mal zwei

Doch was ist es, das Weimar für Touristen so ­attraktiv macht? Goethe und Schiller sind zunächst die Namen, die einem im Zusammenhang mit Weimar einfallen. Es lohnt sich aber, sich mit dieser Stadt näher auseinanderzusetzen, denn Weimar wurde gleich zwei Mal der Titel Weltkulturerbe verliehen: der erste für das klassische Weimar, der zweite für die Epoche des Bauhauses. Mit dem klassischen Weimar ist die Stadt zur Hochzeit der deutschen Klassik an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert gemeint. Viele Künstler strömten in diesen Jahren in die Stadt, wollten Teil des höfischen und intelektuellen Lebens werden. Zu ihnen zählten natürlich vor allem Goethe und Schiller, aber auch Christoph Martin Wieland und Johann Gottfried Herder.

Goethe wurde vom Herzog protegiert und wohnte fast ein halbes Jahrhundert in seinem Wohnhaus am Frauenplan. Und auch Schiller kam nach Weimar. Durch die sich langsam entwickelnde Freundschaft zwischen den sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten wurde eine der bedeutendsten Epochen der deutschen Literatur geprägt: die Weimarer Klassik. In Literatur, Kunst, Musik und Architektur orientierte man sich an Humanität und Harmonie. Dieses zeitlose Fluidum entfaltet noch heute seine Anziehungskraft. So liest man in der Begründung der UNESCO für die Aufnahme des klassischen Weimar in die Welterbeliste, diese erfolge wegen der „großen kunsthistorischen Bedeutung öffentlicher und privater Gebäude und Parklandschaften aus der Blütezeit des klassischen Weimar“ und der „herausragenden Rolle Weimars als Geisteszentrum im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert“. Zu den Welterbestätten gehört Goethes Wohnhaus am Frauenplan, das wie ein Museum eingerichtet ist. Kunstgegenstände und Sammlerstücke, die Goethe von seinen Reisen mitbrachte, sind hier zu sehen. Aber auch Goethes Garten mit dem 1776 erworbenen Gartenhaus – Goethes erster Wohnung in Weimar, in der er bis zum Umzug an den Frauenplan 1782 lebte – ist ein Highlight. Dort beschäftigte sich der große Denker unter anderem mit Naturbeobachtungen oder entspannte bei einer Karaffe Rotwein.

goethe ist der rote faden

Auch Schillers Wohnhaus an der Esplanade gehört zum Weltkulturerbe. Dem viel kleineren Haus sieht man auf den ersten Blick an, dass Schiller in deutlich bescheideneren Verhältnissen lebte als der zehn Jahre ältere und vom Herzog geförderte ­Minister Goethe.

Weitere Kulturerbestätten aus dem klassischen Weimar sind das Römische Haus im Park, das erste klassizistische Gebäude in Weimar überhaupt, und das Wittumspalais, der Wohn- und Sterbeort der Herzogin Anna Amalia, der Mutter von Goethes adeligem Förderer Carl August. Das Wittumspalais war der Intellektuellentreff von Weimar. Hier fanden sich Gelehrte, Künstler und Schriftsteller zum wöchentlichen Austausch ein. Natürlich war auch Goethe hier Stammgast. Der Name Goethe zieht sich eigentlich wie ein roter Faden durch die Weltkulturerbe-Objekte Weimars. So war zum Beispiel das Lustschloss des Herzogs Schauplatz von Trinkgelagen Goethes und des Herzogs. Weitere Stätten sind die Stadtkirche Peter und Paul, die Wirkungsstätte Herders, oder die Herzogin-Anna-Amalia- Bibliothek, deren Bestände 2004 teilweise einem Feuer zum Opfer fielen.

Ungewöhnliche fürstengruft

Ein besonders mystischer Ort ist der historische Friedhof. Die im Jahr 1818 eingeweihte Begräbnisstätte ist ein ganz besonderes Zeugnis des klassischen Weimar. Hauptanziehungspunkt ist die in den Jahren 1823 bis 1828 errichtete Fürstengruft mit ihrer von Clemens Wenzeslaus Coudray entworfenen klassizistischen Architektur. Hier fanden jedoch nicht nur Mitglieder der Fürstenfamilie ihre letzte Ruhestätte, sondern auch Goethe und – so glaubte man lange Zeit – Schiller. Erst 2008 wurde nachgewiesen, dass dessen Sarkophag die sterblichen Überreste mehrerer Menschen enthielt – seitdem ist er leer. Aber auch andere Persönlichkeiten aus dem Leben Goethes ruhen auf dem Friedhof: die Freundin Charlotte von Stein, der langjährige Gesprächspartner Johann Peter Eckermann und der Schwager Christian August Vulpius, Autor des Sensationsromans „Rinaldo Rinaldini“.

zentrum der moderne

Das zweite Welterbe-Thema in Weimar ist das Bauhaus. Diese 1919 von Walter Gropius gegründete Kunstschule ist mit ihrem ganzheitlichen Ansatz und ihrer Verbindung von Nützlichkeit und Ästhetik ein Symbol der klassischen Moderne in Architektur, Kunst und Gestaltung. Bedeutende Künstler wie Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Johannes Itten, Oskar Maria Schlemmer oder Ludwig Mies van der Rohe lehrten hier sechs Jahre lang, bis das Bauhaus nach Dessau umzog. Bezeichnet wurden sie nicht als Professoren, sondern als Formmeister. Unter den Studierenden waren bedeutende Designer wie Wilhelm Wagenfeld oder Max Bill, deren Objekte heute als Musterbeispiele zeitlosen und guten Designs gelten. Zu den Welterbestätten gehören die beiden Hauptgebäude, in denen heute der Lehrbetrieb der Bauhaus-Universität Weimar stattfindet.

Bedeutendstes Zeugnis dieser Epoche in Weimar ist das Haus „Am Horn“, das als Musterhaus für eine große Bauhaus-Ausstellung im Jahr 1923 errichtet wurde. Typisch für den interdisziplinären Ansatz des Bauhauses ist, dass ein Entwurf Georg Muches realisiert wurde, damals Leiter der Webereiklasse. Den Bau selbst führte mit Adolf Meyer dann ein Architekt aus. Das Besondere an diesem Gebäude ist, dass es das erste konsequent nach Bauhausprinzipien geplante, errichtete und mit Textilien, Möbeln und Objekten ausgestattete Haus überhaupt war.

Derzeit ist das Haus jedoch geschlossen und wird für das 100-jährige Bauhaus-Jubiläum im Jahr 2019 renoviert. Dann soll die herausragende Bedeutung des Bauhauses für Architektur, Kunst und Gestaltung mit vielen Veranstaltungen gefeiert werden. Kaum eine andere gestalterische Bewegung hat einen derart großen und weitreichenden Einfluss bis in die Gegenwart. Moderne Gestaltung ist ohne das Bauhaus kaum denkbar.

Tags

X-press Magazin © 2018