Europa hat die Wahl | 24.01.2018

Italia – bella e impossibile

Schön und unmöglich – besser als die Sängerin Gianna Nannini kann man Italien wohl nicht auf den Punkt bringen. Die achtgrößte Volkswirtschaft der Welt und ihr politisches System scheinen sich in einer Dauerkrise zu befinden. Viel wird vom Ausgang der Wahlen am 4. März abhängen.

64 verschiedene Regierungen hat es in Italien seit 1946 gegeben. Die von Ministerpräsident Paolo Gentiloni geführte Mitte-links-Übergangsregierung ist seit dem 12. Dezember 2016 im Amt – von Kontinuität kann da keine Rede sein. Auch die Parteienlandschaft Italiens ist stark fragmentiert und noch dazu ständig in Bewegung.

Die vor Kurzem beschlossene Wahlrechts-reform (die vierte seit 1993) soll nun endlich Stabilität bringen. 64 Prozent der Abgeordneten werden künftig nach dem Verhältnis-, 36 Prozent nach dem Mehrheitswahlrecht gewählt.

Wie das Parlament bei seiner ersten Sitzung am 23. März zusammengesetzt sein wird, ist völlig offen. Generell empfiehlt es sich, eher politische Lager als einzelne Parteien zu betrachten. Die Umfragen sehen aktuell die Mitte-rechts-Parteien (u.a. Berlusconis Forza Italia und die separatistische Lega Nord) bei 35 Prozent, die Regierungsparteien liegen dagegen bei unter 30 Prozent.

Deutlich stärkste Gruppierung ist derzeit mit der populistischen MoVimento 5 Stelle (M5S) jedoch eine Protestpartei. Trotz programmatischer Schwenks und einiger Skandale wollen 30 Prozent der befragten Italiener für die Partei des Komikers Beppe Grillo votieren. Der Grund für die Popularität der M5S ist einfach: Keine Partei hat sich stärker gegen „das Establishment“ positioniert. Und auch wenn die M5S seit Kurzem Regierungsbeteiligungen nicht mehr ausschließt, steht sie eher fürs Blockieren als fürs Regieren.

Der Regierungsbildung werden wohl schwierige Koalitionsverhandlungen vorausgehen. Auch eine Pattsituation ist möglich. Dass von solchen Voraussetzungen keine positiven Signale an die Märkte ausgehen und sie auch kein guter Nährboden für Reformvorhaben sind, dürfte klar sein.

Bella italia? Mamma Mia!

Wer immer auch der neue Regierungschef sein wird, es wartet jede Menge Arbeit auf ihn. Der Blick auf die Wirtschaftsdaten ist zunächst wenig ermutigend: Die prognostizierte Staatsverschuldung von 132,1 Prozent für 2017 wird in der EU nur von Griechenland übertroffen. Besonders problematisch ist dabei, dass das Verschuldungstempo in diesem wie den kommenden Jahren wohl noch zunehmen wird. Dass unklare Mehrheitsverhältnisse hier mäßigend wirken, ist eher unwahrscheinlich. Zudem ist die Arbeitslosenquote mt 11,1 Prozent im Oktober 2017 die dritthöchste in der EU und die Jugendarbeitslosigkeit erreicht mit 34,7 Prozent einen EU-Spitzenwert. Auch die mit 49 Prozent vergleichsweise hohe Staatsquote wird der neuen Regierung sicherlich ebenfalls einiges Kopfzerbrechen bereiten.

Dolce far niente? Von Wegen!

Doch Italien wäre nicht Italien, wenn hinter dem Verfall nicht auch Schönheiten lägen: So wuchs die Wirtschaft 2017 mit 1,51 Prozent nahezu doppelt so stark wie im Vorjahr (0,88 Prozent). Größte Stärke des Landes sind seine weltweit gefragten Produkte: „Made in Italy“, schrieb jüngst die Süddeutsche Zeitung, sei auf den Weltmärkten ebenso ein Qualitätsversprechen wie das deutsche Pendant. Entsprechend erzielte Italien 2017 mit 450 Mrd. Euro die höchsten Exporterlöse seiner Geschichte. Beim Handelsbilanzüberschuss belegt es EU-weit Platz drei und beim Export von Industriegütern muss es sich nur Deutschland geschlagen geben.

Der leitindex? Va Bene!

Folglich lief 2017 auch der führende Aktienindex FTSE MIB fast wie geschmiert: Mit einem Plus von 10,54 Prozent hängte er den Leitindex der Eurozone, den EuroStoxx 50, deutlich ab.

Was die Gewichtung im Index angeht, liegen mit Eni (12,1 Prozent) und Enel (10,8 Prozent) zwei Unternehmen aus dem Energie- und Versorgerbereich vor den beiden Banken Intesa Sanpaolo (9,8 Prozent) und Unicredit (9,7 Prozent). Trotz des Schwerpunkts auf Finanzdienstleister verfügt der FTSE MIB über eine breite Branchenstreuung.

Wer auch immer das Land nach der Wahl regieren mag – auf die Fähigkeit der Italiener, auch widrigen Umständen das Beste abzugewinnen, können sich Unternehmen wie Investoren wohl auch in Zukunft verlassen. Unmöglich ist jedenfalls nichts. Basta.

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