Kunstwelten | 25.06.2018

Bogotá – blühende Kunstszene 2640 Meter über dem Meer

Vor zwei Jahren endete der Bürgerkrieg mit der Rebellenorganisation FARC, der das Land ein halbes Jahrhundert fesselte. Nicht nur die Künstler lassen sich von der hoffnungsvollen Zeitenwende inspirieren, auch Sammler begeistern sich für die Kunstszene Kolumbiens.

Mehr als ein halbes Jahrhundert waren die linke Rebellenorganisation FARC und die kolumbianische Regierung in einen blutigen Bürgerkrieg verstrickt, der zahlreiche Menschen das Leben kostete. Vor zwei Jahren gelang ein historischer Friedensschluss, der Kolumbien mehr Sicherheit und Frieden schenkte: Entführungsfälle und Gewaltdelikte gehen seitdem drastisch zurück. Und wirtschaftlich eröffnen sich neue Chancen. So wurde das Andenland Ende Mai in die OECD aufgenommen. Mitte Juni wählten die Kolumbianer in einer Stichwahl Iván Duque zu ihrem neuen Präsidenten. Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos durfte nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten. Kolumbien ist auch nach der Wahl gespalten in der Frage, wie man mit den ehemaligen Mitgliedern der aufgelösten Untergrundorganisation FARC weiter umgehen soll und ob die alten Kämpfer straffrei davonkommen sollen. Nirgendwo drücken sich die Bewältigung der Vergangenheit und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft so beeindruckend aus wie in der lebendigen Kunstszene der Hauptstadt Bogotá, die die Stimmung künstlerisch transformiert.

Interview

Guillermo Londoño und seine kultigen Traumlandschaften

Guillermo Londoño und seine abstrakten Landschaftsbilder haben in seiner Heimatstadt Bogotá Kultstatus. Nach einem Kunststudium in Kolumbien und in Berkeley arbeitete er zunächst im Atelier von José Luis Cuevas, einem der gefeiertsten Künstler des 20. Jahrhunderts in Mexiko.

Guillermo  Londoño

Besonders die Street-Art-Kultur ist in den letzten Jahren geradezu explodiert und kann inzwischen mit Berlin, London oder Melbourne mithalten. Graffiti-Werke bekannter Künstler, die sich mit den Themen auseinandersetzen, die das Land bewegen, finden sich besonders im historischen Viertel La Candelaria. Zweimal täglich, um 10.30 Uhr und um 14 Uhr, startet hier eine der besten Street-Art-Touren der Stadt am Parque de los Periodistas. Wer Bogotá auf diese Art entdeckt, auf den wirkt die Stadt wie ein großes Kunstmuseum. Denn die Tour führt auch in versteckte Winkel anderer Viertel. Dabei begegnet man nicht nur den Graffiti, sondern erfährt neben biografischen Hintergründen der Künstler auch deren Botschaft. Viele Malereien beschäftigen sich mit politischen Themen, Kriminalität, Korruption oder auch der Rolle der indigenen Bevölkerung Kolumbiens. In Bogotá gelten Graffiti als Kunst. Ein breiter Konsens, der die Werke auch davor bewahrt, einfach übermalt zu werden. Künstler, die sich nicht daran halten, landen auf einer schwarzen Liste. Und Kommunalverwaltungen sehen Graffitikünstler inzwischen als ihre Verbündeten an. So konnten düstere und auch gefährliche Industriebezirke mit den Werken berühmter Street-Art-Vertreter erfolgreich in belebte touristische Attraktionen verwandelt werden. Das Bewusstsein für die Bedeutung zeitgenössischer Kunst hat sich in den letzten Jahren stark entwickelt. Das zeigt sich vor allem auch an der wachsenden Sammlerszene. Und an dem Prestige, zu dem der Besitz einer bedeutenden Sammlung verhilft. So sehen sich Unternehmer seit einigen Jahren gerne in der Rolle kenntnisreicher Kunstmäzene. Galerist Alberto Hugo Restrepo: „Das Verständnis, das Kunstwerke auch wertsteigernde Anlagen sein können, hat sich bei uns erst seit Kurzem gebildet. Vorstandschefs beginnen nun Sammlungen aufzubauen und gründen Stiftungen. Der wichtigste Markt dafür ist natürlich Bogotá, hier ist das Geld. Ein Sammler aus Bogotá unterscheidet sich von denen aus anderen Teilen des Landes. Er weiß meist, was er will, und ist ziemlich beratungsresistent. Er versucht aber auch nicht, einen niedrigeren Preis herauszuhandeln.“

Zu den wichtigsten Institutionen der Kunstszene Bogotás gehört das Museum of Contemporary Art (Mac). Das zwischen 1966 und 1970 errichtete und mit dem nationalen Architekturpreis ausgezeichnete Bauwerk gilt auch heute noch als der Lieblingstreff. Über 1000 Werke sind hier ausgestellt. Außerdem werden die spektakulären Räumlichkeiten auch gerne für Empfänge, Veranstaltungen oder Kunstevents genutzt.

Dem berühmtesten Künstler Kolumbiens ist ein eigenes Museum gewidmet: Der Maler und Bildhauer Fernando Botero übergab vor 18 Jahren über 200 Skulpturen und Gemälde an die Stiftung der Nationalbank und legte damit das Fundament des Museo Botero. Neben den Werken Boteros, dessen überproportionierte Darstellungen des menschlichen Körpers weltberühmt wurden, zeigt das Haus auch Arbeiten von Dalí und Picasso. Als wichtigste Plattform für kreative Talente hat sich die Art Fair of Bogotá etabliert. Vom 25. bis zum 28. Oktober präsentieren sich in diesem Jahr auf der ARTBO 75 Galerien aus 18 Ländern. Als die ARTBO im Jahre 2005 mit nur wenigen bedeutenden Galerien zum ersten Mal stattfand, war nicht abzusehen, dass sie zu dem internationalen Schaufenster für die gesamte südamerikanische Kunstszene werden würde, das sie heute ist. Guillermo Londoño, der mit seinen utopischen Landschaftsbildern berühmt wurde, erklärt die Anziehungskraft der hoch gelegenen Sieben-Millionen-Metropole auf Künstler so: „Bogotá hat kleinere Städte wie Medellín, Cali oder Bucaramanga in vielerlei Hinsicht hinter sich gelassen: In Kunst, Kulinarik und Musik hat sich Bogotá an die Spitze gesetzt – und das sind die Themen, für die sich Kunstfreunde begeistern.“

Wer die Kraft der Kunstwelt Kolumbiens und die sie prägenden Einflüsse verstehen will, muss sich aber auch mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Am faszinierenden Goldmuseum (Museo del Oro) kommt man daher nicht vorbei. Ausgestellt sind hier über 55  000 feine Arbeiten aus Gold, die aus der vorkolonialen Zeit stammen. Gold war in der Inkakultur den Priestern und anderen Führern vorbehalten; deren Reichtum und Kunstfertigkeit wird in den Vitrinen des Museums beeindruckend klar. Auch heute fließen in die Arbeiten vieler Gegenwartskünstler immer wieder Themen aus der Zeit vor Kolumbus ein. So mischt die Künstlerin Nadín Ospina zum Beispiel vorkoloniale Motive mit amerikanischer Popkultur.

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