Kunstwelten | 26.02.2018

Silo – Kathedrale der afrikanischen Kunstszene

Mit The Silo Hotel und dem Zeitz Museum of Contemporary Art Africa hat sich die Gegenwartskunst aus Afrika in Kapstadt ein strahlendes Schaufenster gegeben. Unter einem Dach erfährt sie die Aufmerksamkeit internationaler Sammler und verhilft der afrikanischen Kunstszene zu größerem Selbstbewusstsein.

Ein ehemaliger Getreidesilo an der berühmten V&A Waterfront in Kapstadt ist der neue Hotspot für Kunst vom afrikanischen Kontinent. Aus dem in den letzten Jahren ungenutzten Relikt früherer Hafenaktivitäten wurde durch eine spektakuläre architektonische Umgestaltung selbst ein Kunstwerk: eines, das mit dem Zeitz Museum für afrikanische Gegenwartskunst (MOCAA) und in den oberen Etagen mit The Silo Hotel zur ersten Adresse für Künstler aus Afrika und ihre Werke wurde.

Interview

Sammlerin und Designerin

Auf ihren Reisen sammelt Liz Biden Eindrücke, die sie zu den einzigartigen Inneneinrichtungen und Designs ihrer Hotelgruppe inspirieren. Viele ihrer Häuser, das Royal Malewane, eine Safari Lodge im Kruger-Nationalpark, das Birkenhead House in Hermanus und das Weinparadies La Residence in Franschhoek, sind Perlen der südafrikanischen Hotellerie. Im neuen The Silo Hotel fand die Kunstsammlung der Familie Biden eine Heimat.

Liz Biden

Der im Jahr 1921 als damals höchstes Gebäude des Kontinents errichtete Getreidesilo hat sich seit der Umfunktionierung im letzten Jahr schnell als der perfekte Zugang zur afrikanischen Kunstszene etabliert. Die ist gerade dabei, ihre Rolle auf dem internationalen Parkett zu definieren. Schon die Geschichte, wie aus dem riesigen Getreidesilo ein Museum und das exklusivste Hotel Südafrikas werden konnte, ist beeindruckend: Die Waterfront, an der das Industriegebäude liegt, war einst der Umschlagplatz für Getreide, das aus dem ganzen Land hier angeliefert wurde, um dann nach Europa verschifft zu werden.

AUFREGENDE ARCHITEKTUR

Als im Jahr 1995 die letzte Ladung gelöscht worden war und das gigantische Lagergebäude seinen Zweck verloren hatte, konnte das Objekt für die Umsetzung eines kühnen architektonischen Plans genutzt werden. Die Idee des Londoner Industriedesigners Thomas Heatherwick war es, die besondere Optik des historischen Gebäudes beizubehalten und gleichzeitig ein neues architektonisches Ereignis zu schaffen, das einem Luxushotel der obersten Kategorie seine äußere Form geben sollte. Mit den nach außen gewölbten Riesenfenstern für The Silo Hotel ist ihm nicht nur ein optisches Alleinstellungsmerkmal gelungen, sondern auch ein für den Hotelgast sinnvolles Designelement: Die Fensterkonstruktion bietet nämlich eine einzigartige 360-Grad-Sicht auf das herrliche Umfeld der Waterfront – mit Blick auf den Tafelberg, den Lion’s Head und den Hafen. Stellt man sich als Gast in die Fenster, gewähren sie einen fantastischen Rundumblick über Kapstadt und die Landschaft. Von außen wirkt es dabei durch die kissenartigen Wölbungen fast so, als ob das Gebäude ein lebender Organismus wäre und „atmete“. Aus der Ferne lassen die erhellten Zimmer das Silo wie einen riesenhaften Leuchtturm am Hafen wirken. Jedes einzelne der Zimmer wurde dabei von der Inhaberin Liz Biden persönlich und in einem je anderen Stil gestaltet. Es gelang ihr das Kunststück, eine faszinierende und vielschichtige Vereinigung des industriellen Teils des Hotels mit modernen Stilelementen zu schaffen. Das nüchtern bis düstere ­Ursprungsambiente bildet mit den gewaltigen Kristallleuchtern und den farbenfrohen Luxuselementen auf einzigartige Weise eine widerspruchsvolle Harmonie. Und so ist wirklich alles Kunst in The Silo Hotel. Schon in der Empfangshalle begrüßen einen große Bilder.

In den Zimmern, Gängen und Sälen werden Werke bekannter und etablierter afrikanischer Maler oder Foto- und Installationskünstler präsentiert: So finden sich in The Silo Hotel Künstler wie Mohau Modisakeng, Cyrus Kabiru und Zanele Muholi. Das Fünf-Sterne-Haus beherbergt außerdem die Galerie The Vault, in der angesagte Vertreter der Art Scene im Rahmen von Vernissagen oder Events vorgestellt werden. Hier, im künstlerisch in Szene gesetzten Souterrain, findet man ungewöhnliche Inspirationen und wird zum Kennenlernen der ­entstehenden stolzen Kunstszene Südafrikas, ja des ganzen Kontinents verführt. Und diese Szene hat unterhalb des Hotels mit dem Zeitz Museum of Contemporary Art Africa ihre ganz eigene ­Kathedrale.

Der ehemalige Chef des Sportkonzerns Puma Jochen Zeitz hat hier seinen Traum von einer selbstbewussten Heimat für afrikanische Kunst wahr werden lassen. Bisher mussten sich Künstler aus Afrika, wollten sie internationale Aufmerksamkeit erlangen, auf Ausstellungen und Messen in London, New York oder Berlin präsentieren. Jetzt gibt es eine Alternative auf afrikanischem Boden. Hier finden sich nur Kunstwerke, die nach dem Jahr 2000 entstanden sind. „Wir wollen eben nicht die Vergangenheit abarbeiten, wir wollen die Zukunft gestalten“, so Zeitz. An manchen Tagen sind die Besucherschlangen am Eingang 100 Meter lang. Man spürt, dass hier eine Lücke geschlossen wurde und die Menschen darauf gewartet haben. Der Direktor und Chefkurator des Museums Mark ­Coetzee: „Vielleicht entdecken Sammler und internationale Museen gerade, wie ignorant sie bisher einem ganzen Kontinent gegenüber waren. Was wir derzeit beobachten können, ist auf jeden Fall eine Neujustierung und eine umfangreiche Ergänzung der bisherigen Kunstgeschichte und der ­Gegenwartskunst.“


Jochen Zeitz

Jochen Zeitz

Der Gründer des MOCAA will damit Kunstliebhaber
aus aller Welt anziehen. Der Ex-Puma-Chef hat dafür ­seine private Sammlung gestiftet.


beeindruckende Vielfalt

Die archaische Wucht der Eingangshalle, die sakrale, überlaute Hintergrundmusik, die in den riesigen Zylinder gefrästen Hohlräume, die Samenkörnern nachempfunden sind, lassen den Besucher spüren, dass hier Bedeutendes gehütet wird. Am besten, man schließt sich einer der einstündigen Touren an, bei denen einem die Werke von Künstlern wie Edson Chagas, Nandipha Mntambo oder Kehinde Wiley erläutert werden. Die Ausstellungsräume wurden aus den 42 Betonröhren, aus denen der Silo besteht, quasi herausgesägt. In ihnen finden sich Zebrabilder in bunter Fantasiekulisse von Athi-Patra Ruga genauso wie futuristische Brillengestelle von Cyrus Kabiru.

Nach dem Rundgang durch das Museum ist man beeindruckt von der Vielschichtigkeit der afrikanischen Kunstszene und verlangt nach mehr. Gestillt wird der Durst am besten in Hotels von The Royal Portfolio. Liz Biden hat auch aus anderen Häusern der Gruppe wie dem La Residence in Franschhoek oder dem Birkenhead House Aushängeschilder der Gegenwartskunst gemacht. Rund 1000 Objekte umfasst ihre Sammlung. Aber auch die anderen zauberhaften Hotels des Landes, zum Beispiel das Delaire Graff in Stellenbosch, bieten Einblick in das breite Portfolio afrikanischer Werke – von Skulpturen fliegender Schildkröten bis zu diamantenen Schmuckstücken.

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