Kommentar | 23.10.2018

Süßes oder Saures?

Beim Schreiben dieser Zeilen steht einmal mehr das Halloween-Fest vor der Tür. Es ist erstaunlich, wie schnell Modewellen aus den USA über den Großen Teich schwappen.

War Halloween zu meiner Jugendzeit noch kein wirklich großes Thema, findet das gepflegte Gruseln heute auch hierzulande zahlreiche Anhänger. So ziehen ebenso wie in den USA Kinderhorden in möglichst erschreckenden Verkleidungen von Haustür zu Haustür, um Süßigkeiten als Wegzehrung einzufordern – und zu bekommen. Eine verlockende Aussicht. So hatte ich noch Anfang des Monats den Gedanken, entweder als Goldbarren oder mit einem Bettlaken mit aufgedrucktem Ein-Jahres-Goldchart verkleidet an den Nachbartüren zu klingeln. Dies in der Hoffnung, dass die Nachbarn vielleicht aus Mitleid etwas in meinen Sammelbeutel stecken. Schließlich war der Chart seit Jahresbeginn ein Bild des Schreckens für manchen Goldinvestor gewesen. Kurz vor dem letzten termin fürs Kostümnähen änderte sich dann aber das Bild ein wenig. Am 11. Oktober überzeugte der Goldpreis mit dem größten absoluten Tages-Kurssprung seit dem Tag der Brexit-Abstimmung im Juni 2016. Was war passiert? Der Anstieg des Goldpreises war eine Reaktion auf den gleichzeitigen Kursrutsch an den weltweiten Aktienbörsen. Steigende Zinserhöhungserwartungen an die US-Notenbank gemeinsam mit aufkeimenden Ängsten vor einer Eskalation des Handelskonflikts zwischen den USA und China und dem sich abzeichnenden Streit zwischen der EU und Italien über dessen Haushaltsentwurf für das Jahr 2019 ließen viele Investoren an den Aktienmärkten gen Notausgang flüchten. Wie häufig war dies natürlich die Stunde der sicheren Häfen. So war denn auch das Gold gefragt, das sich endlich wieder auf ein Kursniveau von 1230 Dollar/Unze erholen konnte. Die Frage ist nun natürlich, inwieweit der Goldpreis weiteres Erholungspotenzial hat. Ein solches würde wesentlich durch einen sich abschwächenden Kurs des Dollars, Turbulenzen an den Aktienmärkten und nicht weiter steigende Marktzinsen unterstützt werden. Vielleicht kommt es hier ja gar zu einer kleinen Jahresendrallye? Auf alle Fälle habe ich erste Konsequenzen gezogen: Jetzt schwanke ich zwischen einem Platin- und einem Dax-Chart für mein Halloween-Kostüm. Denn für Gold sieht die Welt plötzlich vielleicht doch etwas freundlicher aus.

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