Kunstwelten | 23.10.2018

Texas für Kunstfreunde

Die endlosen Weiten des zweitgrößten Bundesstaates der Vereinigten Staaten übten auf Künstler schon immer eine starke Anziehungskraft aus. Besonders seit den 1970er Jahren entwickelte sich im Lone Star State eine lebendige Künstlerszene. Inzwischen gibt es für Kunstfreunde dort viel zu entdecken.

Texas, der US-Bundesstaat mit der nach Alaska größten Landfläche, fasziniert stets aufs Neue. Seine 254 Counties halten viele Überraschungen parat, die sich hinter dem allseits bekannten Image des Lone Star State verbergen. Dazu gehört auch eine der aufregendsten Kunstszenen der Vereinigten Staaten. Ein kleines Örtchen, das drei Autostunden von El Paso mitten im südtexanischen Nirgendwo liegt, sollte man auf einem texanischen Kunsttrip nicht verpassen: Marfa, die in Ostküsten-Künstlerkreisen fast schon mythische Hipster-Oase unter sengender Sonne.

ABGESCHIEDENSTER KUNST-HOTSPOT

Der 1800-Seelen-Ort ist der wohl entlegenste und abgeschiedenste Kunst-Hotspot der Welt. Pate war der Künstler Donald Judd, einer der wichtigsten Vertreter des Minimalismus Mitte der 1960er Jahre. Der Maler, Bildhauer und Architekt feierte zunächst in New York große Erfolge, kehrte aber schließlich der aufgeregten Kunstszene des Big Apple den Rücken. Judd zog es Anfang der 1970er Jahre in die Einsamkeit, an einen Ort, wo er an seinen übergroßen Skulpturen in Ruhe arbeiten konnte: Marfa. Neben der Weltferne fand er hier passende großflächige Hallen, in denen er seine eigenen Werke und seine umfangreiche und stetig wachsende Sammlung von Arbeiten anderer Künstler unterbringen konnte. Judds erste baulichen Erwerbungen waren in Marfa zwei alte militärische Flugzeughangars, die er zunächst zum Wohnen und als Lagerhalle nutzte. Für ihn waren die Räumlichkeiten, in denen Kunst gezeigt wird, mindestens genauso bedeutend wie die Werke selbst. Denn er betrachtete die Kunst in Verbindung mit den Ausstellungsräumen als Gesamtkunstwerk. So erwarb Judd nach und nach immer mehr weitläufige, ungenutzte Zweckbauten und gestaltete Artilleriehallen und Hangars, Ranches und sogar eine alte Bank zu Galerien und Museen nach seinen Vorstellungen um. In den Barackenbauten einer alten Kaserne erschuf er eine Art Mausoleum seines Lebenswerks – Marfa wurde nach und nach zu einem Kunstwerk für sich, geschaffen vom exzentrischen Donald Judd.

Dazu gehört aber auch ein Werk aus der Zeit vor Judd. Im Jahre 1944 befand sich nämlich ein Kriegsgefangenenlager in Marfa. Und zwei deutsche Gefangene, die eigentlich für landwirtschaftliche Tätigkeiten eingesetzt werden sollten, wurden damit beauftragt, die Wände der Offiziersmesse mit Fresken zu bemalen. Ihre Melange aus bayerischen und texanischen Landschaften, die sie in einem 360-Grad-Bild verewigten, verdeutlicht dem Besucher, dass Judd nicht als Erster die Idee hatte, diese Einöde mit Kunst zu befruchten. Die Sogwirkung jedenfalls, die sein Engagement auf Kunstfreunde hatte, war gewaltig. Judds Idee, in der Einöde kreative Gedanken und Kunst zu entwickeln, wollte man nachspüren.

HYPE UM DONALD JUDD

Und so kam es, dass von der menschenleeren Einsamkeit, die der Ostküsten-Künstler hier einst suchte, nicht mehr viel übrig geblieben ist. Der Hype um Judd ließ Museen, Galerien, ein Retro Motel, Buchläden für Kunst und sogar ein Gourmetrestaurant entstehen. Marfa ist inzwischen zu einem internationalen Treff der Hipster-Community geworden. Und Judds Lebenswerk verwalten inzwischen zwei Stiftungen: die Judd Foundation und die Chinati Foundation, die sich um das künstlerische Erbe kümmert. Mit Spenden, Zuschüssen und Beiträgen der Mitglieder kommt die Chinati-Stiftung auf ein Jahresbudget von zwei Millionen Dollar. Mit diesem wird ein Museum finanziert, das alle verstreuten Objekte in Marfa vereint. Für die Tour sollte man schon gut einen Tag einplanen.

Eine weit längere Tradition als Anziehungspunkt für Kunstbegeisterte hat Texas’ zweitgrößte Stadt San Antonio. Sie bietet neben einer großartigen Museumslandschaft auch eine breite Szene von Galerien und Künstlerateliers. Außerdem ist San Antonio eine Traumstadt für Street-Art-Freunde. Graffiti-Künstler werden sogar oftmals von der Stadt budgetiert, mit freien Flächen oder direkten Geldzuwendungen.

ARTWALKS DURCH SAN ANTONIO

Die bunten Wandkunstwerke machen in San Antonio sogar vor religiösen Themen nicht halt und die sind hier sogar ein Markenzeichen der lokalen Street-Art-Szene geworden. Eine gute Übersicht über die lebendige Kunstszene kann man sich mit den Artwalks verschaffen, die durch den Southtown Arts District führen und immer am ersten Freitag und zweiten Samstag eines Monats angeboten werden. Neben Museen, Galerien und sonstigen Hotspots lernt man dabei auch Bars und kulinarische Treffpunkte von Künstlern in San Antonio kennen. Zu den bedeutendsten Museen der Stadt gehört das Briscoe Western Art Museum, das sich der Kunst und Kulturgeschichte des amerikanischen Westens widmet. Eine der wichtigsten Anlaufstellen für die texanische Kunstszene ist auch das San Antonio Museum of Art. Schon die Räumlichkeiten sind spektakulär: Das Museum befindet sich in dem ehemaligen Brauereigebäude der Marke Lone Star. Die Ausstellung zeigt neben griechischer, spanischer, ägyptischer, römischer und präkolumbianischer Kunst Arbeiten aus dem Südwesten der USA und den letzten 500 Jahren bis hin zur Gegenwart. Ein weiteres Schmuckstück in der Museumslandschaft ist das Witte Museum, das sich neben der Staatsgeschichte auch der frühen texanischen Kunst widmet. Nicht verpassen sollte man einen Besuch im McNay Art Museum, dem ersten, das sich mit moderner Kunst beschäftigt; es überzeugt mit ständig wechselnden Ausstellungen. Doch San Antonio ist nicht nur Museumsstadt, die Szene lebt auch von der Dichte privater Galerien, Künstlerkollektiven oder öffentlichen Kunstinitiativen.

Zu den spannendsten Galerien zählt Artpace, die seit der Eröffnung Anfang der 1990er Jahre zu einem der wichtigsten Impulsgeber für die lokale Szene wurde. Wechselnde Ausstellungen und aufregende internationale Kollaborationen verschafften der Galerie einen Platz im Zentrum der texanischen Kunstszene. Zum Jahreskalender gehört auch ein Programm, das jeweils neun internationale Künstler für zwei Monte zu Artpace einlädt, um neue Arbeiten zu schaffen und anschließend auszustellen.

Eine besonderer Ort für texanische Künstler ist auch der Kunstraum Sala Diaz. Die Initiative bringt Künstler aus der Gegend mit anderen amerikanischen und ausländischen zusammen und ist eine Galerie der besonderen Art. In dem coolen Kunstraum konnten in den letzten Jahren Ausstellungsthemen wie zum Beispiel Marketing und Konsum grandios umgesetzt werden.

Der Kontrapunkt zum beschaulichen Kunsterlebnis findet sich im Osten des Bundesstaates direkt am Golf von Mexiko: Die Metropole Houston ist geprägt von Glas, Stahl und moderner Architektur. Doch überall zwischen den Hochhaus-Schluchten finden sich Oasen, die wie geschaffen sind für Entdeckungstouren von Kunstliebhabern. An gigantischen Wänden steigen riesige Gemälde auf, die manchmal sogar über mehrere Gebäude verlaufen. Graue Brückenpfeiler sind mit kunstvollen Graffiti verziert und Hinterhöfe mit Street-Art-Werken namhafter Künstler verziert. Einige der Kunstwerke sind auf das jährlich stattfindende HUE Mural Festival zurückzuführen, das Street-Art-Künstler und Fans aus der ganzen Welt vereint. Der eigentliche Dreh- und Angelpunkt für Kunstliebhaber ist in Houston aber das Museumsviertel.

CADILLAC-KUNST AN DER ROUTE 66

Ein Roadtrip zu den Kunst-Hotspots von Texas sollte einen auf jeden Fall auch zu der legendären Cadillac Ranch fünf Kilometer westlich von Amarillo führen. Mitte der 1970er Jahre grub die Künstlergruppe Ant Farm aus San Francisco dort zehn Cadillacs in einer Linie ein, mit der vorderen Hälfte im Boden. Die Fahrzeuge stammen aus den Jahren zwischen 1948 und 1963. Die Idee war, Aufstieg und Niedergang der legendären Heckflossen eindrucksvoll zu dokumentieren. Sogar der Winkel, in dem die Cadillacs aus der Erde ragen, hat eine Bedeutung: Es soll der gleiche Steigungsgrad wie bei den Pyramiden von Giseh sein. Außerdem soll sich in ihm die Freiheit ausdrücken, die sowohl von Autos als auch von den Attraktionen entlang der Autostraßen ausgeht. Die optimale Art, die texanische Kunstwelt kennenzulernen, ist jedenfalls definitiv ein Roadtrip – natürlich am besten entlang der legendären Route 66.

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