Kolumne Dr. Ulrich Stephan | 24.09.2018

Das Auto von morgen nimmt Fahrt auf

Von München nach Odense und zurück, mehr als 1600 Kilometer im Auto – und das, ohne permanent Gas geben, bremsen und lenken zu müssen. Zukunftsmusik?

Keineswegs! Bereits 1995 sorgte das von einem Team der Bundeswehr-Universität München entwickelte „Versuchsfahrzeug für autonome Mobilität – Pkw“ (VaMP) für Schlagzeilen, als es aus dem Süden Deutschlands überwiegend selbstständig nach Dänemark und zurück fuhr. Das VaMP zeigt: Autonomes Fahren ist beileibe keine neue Idee. Durch den rasanten Fortschritt auf dem Gebiet digitaler Technologien hat die Entwicklung selbstfahrender Autos in den vergangenen Jahren jedoch Fahrt aufgenommen und wird die Autoindustrie in den kommenden Jahren intensiv beschäftigen.

Neue Akteure in der Automobilbranche

Neben dem autonomen Fahren dürften auch alternative Antriebstechnologien und Carsharing die Branche revolutionieren. Experten rechnen damit, dass sich der Automobilsektor in den kommenden zehn Jahren stärker wandeln wird, als er es in den vergangenen 50 Jahren getan hat. Dabei fungieren neue Technologien und Geschäftsmodelle als Wachstumstreiber: Nach einer Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group könnten aus diesem Bereich im Jahr 2035 rund 40 Prozent der gesamten Branchengewinne stammen – aktuell sind es noch weniger als 1 Prozent. Der weltweite Branchenumsatz könnte laut der Unternehmens­beratung McKinsey dadurch bis zum Jahr 2030 um jährlich rund 5 Prozent auf 6,7 Billionen US-Dollar steigen – das entspricht annähernd einer Verdopplung der aktuellen Umsätze. Für entsprechend risikobereite Anleger dürften sich dadurch aus Sicht der Deutschen Bank neue interessante Anlagemöglichkeiten eröffnen. Denn neben den klassischen Automobilherstellern werden Unternehmen um Marktanteile kämpfen, die bisher nicht oder nur am Rande im Automobilsektor tätig waren.

Das Auto wird zunehmend digitaler

Bereits heute verfügen moderne Autos über zahlreiche Assistenzsysteme, die es in dieser Form vor einigen Jahren noch gar nicht oder zumindest nicht in Großserie gab: Sie unterstützen den Fahrer beim Lenken, Bremsen oder Einparken und dürften perspektivisch den Weg zum autonomen Fahrzeug ebnen. Dafür wird eine wachsende Zahl immer leistungsstärkerer Kameras, Radar- sowie Ultraschallsensoren im Fahrzeug benötigt. Hinzu kommen Computerchips und Softwarelösungen, die die Informationen der Sensorik in Sekundenbruchteilen verarbeiten können, sodass der Pkw-Rechner ein umfassendes Bild der Umgebung erhält und auch in komplexen Situationen richtig reagieren kann. In diesem Kontext dürfte auch die Vernetzung der Fahrzeuge untereinander sowie mit der Umgebung eine wichtige Rolle spielen. Denn nur so können Autos von anderen Fahrzeugen oder Verkehrsbeobachtungssystemen Informationen über die all­gemeine Verkehrslage sowie potenzielle Gefahrensituationen wie Unfälle oder Glatteis sammeln und den Fahrer frühzeitig warnen oder selbst reagieren. Das könnte nicht nur die Sicherheit im Straßenverkehr erhöhen, sondern auch den Fahrkomfort – zum Beispiel indem durch die intelligente Vernetzung von Autos und digitalen Parkleitsystemen freie Parkplätze angezeigt werden. Bis selbstfahrende Autos vermehrt auf den Straßen unterwegs sind, dürfte es jedoch noch dauern. Zunächst gilt es, Fragen bezüglich des Versicherungsschutzes und grundsätzliche ethische Aspekte zu klären.

Möglichkeiten für branchenfremde Akteure

Sicher ist: Die Digitalisierung des Kraftfahrzeugs wird in den kommenden Jahren weiter voranschreiten. Eine wichtige Rolle dürften dabei jene Automobilzulieferer spielen, denen es gelingt, ihr Produktspektrum in den Bereichen autonomes Fahren sowie alternative Antriebe zu erweitern. Außerdem könnten bislang branchenfremde Unternehmen verstärkt in die Branche drängen und an den neuen Trends teilhaben. Das gilt insbesondere für hochspezialisierte Firmen aus den Bereichen Elektrotechnik, Software und Datenverarbeitung sowie Cybersicherheit. Für diese dürfte darüber hinaus die anfallende Datenflut eines digitalen Autos zusätzliche Umsatzmöglichkeiten bieten. Denn mit der fortschreitenden Vernetzung der Fahrzeuge lassen sich Informationen über deren Nutzung generieren – zum Beispiel, welchen Fahrstil der Fahrer pflegt, wohin er regelmäßig fährt und welche Musik er währenddessen hört. Abgesehen von datenschutzrechtlichen Aspekten und der Frage, wem diese Daten gehören: Die Speicherung, Verarbeitung und Analyse riesiger Datenmengen ist das traditionelle Geschäftsfeld großer IT-Konzerne. Ihren Vorsprung auf diesen Gebieten dürften die Autohersteller nicht mehr einholen.

Welche Rolle spielen die Autohersteller?

Insgesamt stellt sich angesichts der neuen Entwicklungen die Frage, welche Rolle die klassischen Automobilhersteller künftig innerhalb der komplexeren Marktstruktur einnehmen werden. Zunächst könnten diese zu den Verlierern des Wandels in der Branche gehören. Denn um im Bereich alternativ betriebener Fahrzeuge wettbewerbsfähig zu sein, sind hohe Investitionen notwendig, während gleichzeitig der Absatz von Verbrennungsmotoren unter Druck geraten könnte. Die Deutsche Bank geht jedoch davon aus, dass sie trotz der neuen „digitalen Konkurrenz“ ihre Domäne, den Autobau, verteidigen werden. Denn aufgrund der Stärke vieler Marken, ihrer Erfahrung und technischen Kompetenz sowie hoher regulatorischer Anforderungen sind die Herausforderungen für neue Wettbewerber in diesem Bereich hoch. Daher ist zu erwarten, dass sich die neuen Akteure zunächst auf spezifische, wirtschaftlich besonders attraktive Segmente des Bereichs konzentrieren werden – etwa im Bereich der Datenverarbeitung. Wahrscheinlicher als ein rigoroser Verdrängungswettbewerb sind daher Kooperationen zwischen der klassischen Automobilindustrie und Unternehmen aus der Technologiebranche. Die Arbeitsteilung und Spezialisierung dürfte zunehmen. Insgesamt sollten entsprechend risikobereite Anleger, die an der zunehmenden Digitalisierung des Automobils partizipieren möchten, ihren Fokus nicht nur auf die traditionellen Autobauer richten – sondern insbesondere ein Investment in innovative Zulieferer sowie entsprechende Technologieunternehmen in Betracht ziehen. Denn das Auto von morgen nimmt bereits Fahrt auf.

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