Kunstwelten | 29.01.2019

Marrakesch – Marokkos boomender Kunstkosmos

Eine beeindruckende Historie, die lange Verbundenheit mit großen Namen, neue Formate und Institutionen beleben Marrakeschs ­ Kunstszene. Die zauberhafte Kulisse der „Roten Stadt“ wirkt wie ein Magnet auf Künstler. Immer mehr Sammler und Kunstfreunde zieht es in die mittelalterliche Berberstadt.

Interview

Marrakeschs Botschafterin der Künste

Mit ihrer Biennale verhalf Vanessa Branson Marrakesch zur ­Aufmerksamkeit der internationalen Kunstszene. Im X-press- Interview erklärt sie den Kunstkosmos Marrakesch und nach ­welchen Kriterien sie sich persönlich für ein Kunstwerk ­entscheidet.

Vanessa Branson

Die „Perle des Südens“, Marrakesch, war schon vor hundert Jahren ein Sehnsuchtsort für Künstler aus aller Welt. Der Jardin Majorelle ist ein beeindruckendes Beispiel dafür und zugleich der perfekte Ort für die erste Bekanntschaft mit der gewaltigen Farbkraft der Stadt. Der Künstler Jacques Majorelle legte Anfang der 1920er Jahre eine prächtige Gartenanlage im Stadtteil Guéliz an. Über 300 Gewächse aus allen Kontinenten ließ er zusammentragen. 1980 übernahm der Pariser Modedesigner Yves Saint Laurent mit seinem Lebens- und Geschäftspartner Pierre Bergé das großzügige, aber vom Verfall bedrohte und teilweise verwilderte Gelände. Schon seit den 1960er Jahren hatten die Freunde sich von der „Roten Stadt“ verzaubern lassen. In einem Interview mit „Paris Match“ schwärmte Saint Laurent von seiner zweiten Heimat: „Auch wenn ich an die Farben und das Licht Nordafrikas gewöhnt war, habe ich erst später, als ich Marokko kennenlernte, erkannt, dass meine Farbigkeit die der Dschellaba und des Kaftans ist. Den Wagemut, den ich seitdem an den Tag lege, verdanke ich der Schamlosigkeit der Mischungen und dem Feuer der Erfindungskraft dieses Landes.“ Der Jardin Majorelle mit seinem einzigartigen Spiel von Farben, Pflanzen und Materialien war Schauplatz von legendären Empfängen und privaten Festen bis in die Morgenstunden, zugleich aber der Ort, von dem sich Saint Laurent bei seiner künstlerischen Arbeit inspirieren ließ. „Ich träume oft von diesen Farben“, erzählte er Freunden. Neben dem Garten, den er mühevoll wieder instand setzen ließ, liegt auch das 2017 eröffnete Yves-Saint-Laurent-Museum. Hier finden sich nicht nur Werke des Designers, sondern auch prachtvolle Exponate aus der islamischen Kunstwelt. In einer Farbgewalt, wie sie der Modeschöpfer liebte, erstrahlt auch der 15 Millionen Euro teure verschachtelte Bau, ein echtes Juwel der Museumsarchitektur. Die grünen Kacheln am Eingangsbereich sind denen der Minarette Marrakeschs nachempfunden. Rosa schimmern die Wände, eine Hommage an die Granitberge, die rund eine Fahrstunde außerhalb der Stadt, im Ourika-Tal, zu finden sind. Die Außenwände wechseln je nach Tageszeit von Rosa nach Rot, der Eingang strahlt in Gelb und Blau. Zu den Kunstliebhabern mit ausländischen Wurzeln, die maßgeblich daran beteiligt waren, Marrakesch einen Platz im internationalen Kunstkosmos zu verschaffen, gehört auch die Engländerin Vanessa

Branson, die bereits in den 1980er Jahren in London eine avantgardistische Galerie für junge Talente aus der ganzen Welt eröffnete. Die Unternehmerin und leidenschaftliche Sammlerin gründete im Jahr 2004 die Marrakesch-Biennale als Plattform für regionale Künstler. Seit einigen Jahren betreibt die Schwester von Virgin-Gründer Richard Branson auch das Boutiquehotel El Fenn in Marrakesch. Vanessa Branson zu X-press: „Die ersten Werke, die ich aus London in das El Fenn überführt habe, stammten von Künstlern wie Bridget Riley, Terry Frost, William Kentridge, Fiona Rae und Bob und Roberta Smith.“ Dazu kamen später Arbeiten marokkanischer Künstler und Werke aus England. Jede Suite des El Fenn ist mit einem besonderen Kunstwerk von ganz eigener Note ausgestattet. Kürzlich wurden auch die Eingangshalle und die Flure zu Ausstellungsräumen umgestaltet. Vanessa Branson: „Wir arbeiten mit marokkanischen Galerien zusammen und sehen uns mehr als Showcase denn als kommerzieller Ort.“ Auch das legendäre Hotel La Mamounia hat sich der Kunst verschrieben. Eigentlich ist es selbst ein Kunstwerk: Im Jahre 1923 wurde der Palast des Prinzen Moulay Mamoun während der französischen Besatzung kurzerhand zum Hotel umgewidmet. Unter Federführung des Designers Jacques Garcia wurde das Gebäude im Jahr 2009 Jahre vollständig renoviert. Es entstand ein spektakuläres Ensemble aus Art-déco-, marokkanischen und modernen Designelementen mit internationalem Touch. Große Anziehungskraft aufs Künstlerische übte das La Mamounia schon immer aus. Der britische Premier Winston Churchill etwa nutzte seine Winterurlaube hier zum Malen. Am 23. und 24. Februar ist das legendäre Haus Schauplatz der Kunstmesse „1-54“. Zum zweiten Mal präsentiert der marokkanische Ableger des Kunstformates 18 internationale Galerien und 65 Künstler. Außerdem bietet das „1-54“-Forum im La Mamounia Gesprächsrunden mit Künstlern und Galeristen sowie Filmvorführungen mit der Kuratorin Karima Boudou an. Eine weitere Premiere für Marokkos Kulturlandschaft feierte im letzten Jahr das Al-Maaden-Museum für afrikanische Gegenwartskunst (MACAAL). Den Besuch sollte man unbedingt mit einer Tour durch den nahe gelegenen monumentalen Skulpturenpark verbinden. Im Wachsen befindet sich auch die Galeriestenszene in Marrakesch. Ein herausragendes Schmuckstück ist die im Stil eines New Yorker Lofts gestaltete Galerie von David Bloch im Guéliz-Viertel. Das Portfolio des Graffiti-Liebhabers reicht von Street-Art und abstrakten Werken über Multimedia-Installationen bis hin zur Fotografie. Der verbindende rote Faden: Blochs persönliche Ästhetik. Künstler wie Arne Quinze, Alexone Dizac, Swiz, Remed und Sébastien Preschoux sind mit dieser Galerie verbunden.

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