Kommentar | 28.06.2019

Riskante Heimatverbundenheit

Regionalität liegt bei deutschen Verbrauchern im Trend: Ob Gemüse oder Autos – was vor der eigenen Haustür produziert wird, erscheint vielen automatisch als nachhaltiger und von höherer Qualität. Verwunderlich ist das nicht:

Um in einer komplexen Welt überhaupt Entscheidungen in einer angemessenen Zeit treffen zu können, lassen sich nicht immer erst alle notwendigen Informationen zusammentragen und bewerten. Stattdessen greifen Menschen seit jeher mehr oder weniger unterbewusst auf Vereinfachungen zurück, die auf persönlichen oder kollektiven Erfahrungen beruhen. Dazu zählt auch, dass etwas Vertrautes im Zweifel als „besser“ empfunden wird als etwas weniger Vertrautes. Diese sogenannten Urteilsheuristiken haben allerdings einen Haken, denn sie überlagern häufig andere wichtige Entscheidungskriterien. Um im Bild zu bleiben: Statt die tatsächlichen Produktionsbedingungen und die Qualität zum Beispiel eines Autos zu berücksichtigen – die bei einem regionalen Produkt schlechter sein können als bei einem importierten –, entscheidet beim Autokauf mitunter vor allem das Kriterium der Regionalität. Der Verbraucher trifft dadurch unter Umständen eine für ihn nicht optimale Entscheidung.

Wenn Emotionen anstatt harter Fakten entscheiden

Urteilsheuristiken sind kein rein deutsches Phänomen und nicht nur beim Kauf von Verbrauchsgütern entscheidend, sondern spielen weltweit und in allen Lebensbereichen eine wichtige Rolle – auch an der Börse. Viele Anleger beispielsweise sind der Überzeugung, sich etwa aufgrund der regelmäßigen Berichterstattung in den Medien mit Unternehmen aus ihrem Heimatland besonders gut auszukennen. Sie neigen dazu, Aktien von diesen Unternehmen zu bevorzugen – selbst dann, wenn sie über deren tatsächliche Geschäftstätigkeit kaum besser informiert sind als über Unternehmen in anderen Ländern. Dieser als Home Bias (zu Deutsch: Heimatmarktneigung) bekannte Effekt geht mitunter so weit, dass Aktien von Unternehmen mit Hauptsitz in der Nähe des eigenen Wohnortes im Portfolio eines Anlegers stark überrepräsentiert sein können. Die konkrete Anlageentscheidung basiert häufig eher auf Emotionen als auf Fakten.

Hohe Portfoliorisiken durch starken Fokus auf Heimatmarkt

Doch was ist falsch an dieser Handlungsweise und warum gilt der Home Bias überhaupt als Investmentrisiko? Grundsätzlich muss gar nichts falsch daran sein, die Aktienlandschaft im eigenen Land besonders aufmerksam zu verfolgen: Es gibt bei der Informationsbeschaffung keine sprachlichen Hindernisse zu überwinden, was den Zugang zu aktuellen Daten und Fakten erleichtert. Zudem muss man sich bei einem Investment keine Gedanken um zum Beispiel Wechselkursrisiken, abweichende Steuergesetzgebungen und eventuell ­höhere Orderkosten machen. Eine leichte Über­gewichtung heimischer Aktien selbst im Portfolio eines gut informierten und bewusst handelnden Investors wäre daher nachvollziehbar und der Home-Bias-Effekt zu vernachlässigen. In der Realität ist die Konzentration auf den Heimatmarkt in den meisten Ländern jedoch so ausgeprägt, dass sie zu einem Risiko wird: Beispielsweise liegt der Anteil deutscher Aktien in einem durchschnittlichen deutschen Anlegerdepot je nach Studie bei mehr als 50 Prozent. Dabei tragen deutsche Unternehmen zur globalen Marktkapitalisierung aktuell nur rund 3 Prozent bei. In den Vereinigten Staaten ist das Verhältnis ebenfalls unausgeglichen: Einer weltweiten Marktkapitalisierung von 50 Prozent steht ein durchschnittlicher Depotanteil heimischer Aktien von 70 Prozent gegenüber. Eine solch starke Übergewichtung eines Landes – und sei es das eigene – widerspricht einem der grundlegenden Prinzipien des Risikomanagements: der breiten Diversifikation des Portfolios.

Diversifikation schafft besseres Rendite-Risiko-Profil

Das eigentliche Prinzip der Diversifikation ist simpel: Durch die breite Streuung des Vermögens über unterschiedliche Anlageklassen, Regionen oder Branchen soll die Korrelation der einzelnen Depotwerte miteinander gering gehalten werden. Ziel ist es, mögliche Verluste aus einem Investment mit Gewinnen aus einem anderen Investment zu kompensieren und dadurch das Portfoliorisiko zu mindern – bei einer vergleichbaren Renditeerwartung. Die Wirksamkeit dieser Vorgehensweise wurde bereits 1952 durch den US-Ökonomen Harry M. Markowitz in seiner modernen Portfoliotheorie belegt und gilt bis heute. Trotzdem weisen nach wie vor die meisten Portfolios von Privatanlegern keine ausreichende Diversifikation auf.

Deutsche Anleger vom Home Bias besonders stark betroffen

Im Falle eines durchschnittlichen deutschen Anlegers bedeutet dies, dass sein Anlageerfolg in hohem Maße vom deutschen Aktienmarkt abhängt. Der deutsche Leitindex Dax jedoch gehört weltweit zu den zyklischsten Indizes überhaupt. Unter seinen insgesamt nur 30 Werten sind konjunktursensible Titel wie Automobil- und Industrieunternehmen besonders stark vertreten. Das bedeutet: Läuft es mit der Weltwirtschaft gut, entwickelt sich auch der Dax tendenziell positiv – kühlt sich die konjunkturelle Dynamik dagegen ab, kann der Dax besonders stark unter Druck geraten. Dieses Risiko ist vielen deutschen Anlegern nicht immer bewusst. Unter anderem deshalb, weil die globale Bedeutung des Dax überschätzt wird: Anstatt als ein Index unter vielen wird der Dax als stellvertretend für den Aktienmarkt schlechthin wahrgenommen – obwohl er nur für einen Bruchteil der weltweiten Marktkapitalisierung steht. Gleichzeitig werden grundsätzliche Unterschiede zu anderen Indizes, etwa dem S&P 500, nicht berücksichtigt. Dabei ist der US-Leitindex mit seinen 500 Titeln sehr viel breiter aufgestellt und insgesamt deutlich weniger zyklisch als sein deutsches Pendant. Zudem bildet er mit rund einem Drittel der gesamten Marktkapitalisierung einen wesentlich größeren Teil des globalen Aktienmarktes ab. Abgesehen von der im Vergleich zum Dax besseren und stabileren Wertentwicklung in den vergangenen Jahren, könnte der S&P 500 also schon allein aus Gründen der ­Diversifikation ein interessanter Bestandteil eines ausgewogenen Aktienportfolios sein.

Das Risikomanagement ist entscheidend – nicht die Geografie

Insgesamt ist es für Anleger ratsam, ihren Investmentfokus regional möglichst breit zu fassen. Selbst ein Depot mit Aktien aus den USA und Deutschland ist nicht ausreichend breit gestreut, um das Portfoliorisiko gering zu halten. Welche Aktienmarktregionen, Branchen und Investmentthemen konkret berücksichtigt werden sollten, hängt von der individuellen Risikoneigung und den Zielen des Anlegers ab. Hinzu kommt, dass ein breit diversifiziertes Portfolio sich nicht nur aus Aktien zusammensetzen sollte. In Zeiten erhöhter Marktunsicherheit, wie sie aktuell zu beobachten ist, sollte der Diversifikation übrigens besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Denn statt sich in einer solchen Situation bewusst breiter aufzustellen und das Portfoliorisiko zu senken, ziehen sich viele Anleger häufig unbewusst auf scheinbar sicheres Terrain zurück: Sie investieren noch mehr in den heimischen Markt und verstärken den Home-Bias-Effekt dadurch weiter.

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