Kolumne | 28.06.2019

Wann bröckelt der Widerstand?

Trau keinem Chart, das du nicht selbst herausgesucht und bearbeitet hast. Unter den Analysten herrscht ja häufig eine Art „Glaubenskrieg“:

Die einen sind eher Anhänger der fundamentalen Analyse; die anderen verlassen sich eher auf die Charttechnik. Das eine schließt das andere ja nicht aus, und es ist sicherlich sinnvoll, in beidem bewandert zu sein. Aber manchmal ist es schon bemerkenswert, wie man sich eine Meinung mit Hilfe von Charttechnik zurechtbiegen kann. So las ich neulich eine Analyse, in der ein 20 Jahre altes Hoch eine Rolle spielen sollte (Wer um alles in der Welt bleibt 20 Jahre in etwas investiert, das seine alten Hochs bis dahin nicht wieder erreicht hat? Obwohl, wenn ich so in mein Depot blicke …). Auch etwas grenzwertig sind häufig stark abfallende Trendlinien. Hier hatte ich kürzlich eine Analyse in den Händen, die eine solche Linie für Gold eingezeichnet hatte. Wäre diese nicht durchbrochen worden, wäre Gold im nächsten Jahr auf einen Wert von null gefallen, was, nun ja, ökonomisch eher unwahrscheinlich ist. Wie auch immer – was sicherlich jeder an Gold Interessierte im Hinterkopf hat, sind die seit nunmehr drei Jahren mehrfachen Versuche, die Widerstandszone zwischen 1360 Dollar/Unze und dem Fünfjahreshoch vom Juni 2016 bei 1375 Dollar/Unze zu durchbrechen. Bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe war der Goldpreis daran gescheitert. Er zeigte sich allerdings auch deutlich erholt von seiner kleinen Schwächephase im Mai. Hier spielt eine Rolle, dass Gold als Absicherungsvehikel wiederentdeckt wurde. Schließlich reicht ja ein Tweet Donald Trumps, um die Märkte nachhaltig zu verschrecken. Dank seiner Zollandrohung an Mexiko und der scharfen Rhetorik zwischen den USA und China, die eine schnelle Lösung des Handelskonflikts unwahrscheinlich erscheinen lässt, bekam der Goldpreis ab Ende Mai einen Schub aufwärts. Voraussichtlich wird auch über den Sommer hinweg gelten: Je stärker Donald Trump um sich schlägt, desto verunsicherter die Märkte und desto höher möglicherweise der Goldpreis. Zudem kann man Gold ja vielfältig verwenden. Diejenigen, die in 2019 das Vergnügen eines Rammstein-Open-Air-Konzertes hatten, konnten sehen, dass der goldfarbene Anzug des Keyboarders durchaus kleidsam ist. Gold­folie soll ja auch ordentlich kühlen können – eine wichtige Info für den nächsten heißen Sommer.

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