Kunstwelten: Litauen | 24.05.2019

Vilnius – die baltische Kunstoase

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erfand sich Litauen neu: Auch die Kunstszene lebte auf und legte ihr über Jahrzehnte schlummerndes Potenzial frei. Inzwischen blickt die internationale Kunstwelt auf die Hauptstadt Vilnius.

Interview

„Wir freuen uns über einen Besucher- rekord“

Jedes Jahr kommen mehr Künstler, Galeristen und Kunstfreunde aus aller Welt bei der „ArtVilnius“ zusammen. In diesem Jahr findet die Messe in der litauischen Hauptstadt bereits zum zehnten Mal statt. Im X-press-Interview erzählt die Direktorin des neuen Modern Art Museums MO, warum die Kunstwelt sich so für Vilnius begeistert.

Milda Ivanauskiene

Vilnius hat sich in den letzten Jahren zu einem Hotspot der Kunstszene Osteuropas entwickelt. Die Hauptstadt des südlichsten der baltischen Länder erwachte nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit regelrecht aus dem kulturellen Winterschlaf. Die Stadt selbst bietet dafür den perfekten Rahmen. Bereits im 16. Jahrhundert wurde hier eine Universität gegründet. Die prachtvolle barocke Altstadt, die mit ihren 50 Kirchen auch „Rom des Osten“ genannt wird, gehört zum UNESCO-Welterbe. 2009 war Vilnius gemeinsam mit dem österreichischen Linz Kulturhauptstadt Europas. Seitdem eröffnen jedes Jahr neue Galerien, Ateliers und Kunststudios und spektakuläre Kunstinitiativen, Events und Messen locken Kunstfreunde aus aller Welt in die Stadt. Erst im vergangenen Oktober kam mit dem MO Modern Art Museum ein Museumsbau von Weltrang zum bestehenden Kulturangebot hinzu. Dem Star­architekten Daniel Libeskind gelang das Meisterstück, die repräsentative und in großzügigen Linien geschnittene Architektur des Museums harmonisch in die feingliedrige Nachbarschaft zu integrieren. Eine große Treppe, die auf eine Dachterrasse führt, durchquert auf breiter Front das Gebäude. Im Inneren ist der zentrale Blickfang eine Wendeltreppe, die beide Ausstellungsflächen miteinander verbindet.

Das Museum schließt eine wichtige Lücke im Kulturangebot der Stadt. Denn bevor Litauen 1990 wieder unabhängig wurde, kauften staatliche Museen keine Werke an, die nicht im vorgegebenen Rahmen des Sozialistischen Realismus verortet wurden. Zu Sowjetzeiten wurden solche Kunstwerke allenfalls in kleinsten Kreisen und in Privatwohnungen gezeigt. Dieser gewaltige, aber vergessene Kunstschatz, wurde aber auch nach 1990 von staatlichen Museen nicht aufgegriffen. So kam es zu der privaten Initiative des Wissenschaftlers Viktoras Butkus und seiner Frau Danguole Butkiene. Bereits jetzt umfasst ihre ständig wachsende Sammlung über 5000 Werke. Viele davon geben eindrucksvolle – und nicht selten ernüchternde – Einblicke in den Lebensalltag der Litauer unter dem Sozialismus: eine einmalige Analyse der Vergangenheit in Bildern, Fotografien und Skulpturen.

Auch ein anderes herausragendes Museum geht auf eine private Initiative zurück: das Kunstzentrum „Tartle“. Es hat es sich zur Aufgabe gemacht, in alle Welt verstreute Kunstwerke litauischer Künstler zu erwerben, wieder nach Litauen zu überführen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das Ergebnis ist eine einzigartige Sicht durch Kunstwerke auf die Geschichte des Landes. Die Sammlung umfasst rund 1000 Gemälde, mehr als 360 Skulpturen, über 2000 Bücher und mehr als 490 historische Landkarten. Eine vorherige Anmeldung ist für den Besuch bei „Tartle“ obligatorisch. Besucher werden in kleinen Gruppen von einer Kunsthistorikerin durch die Räumlichkeiten geführt. In einer eineinhalbstündigen Tour erfährt man nicht nur Hintergrunddetails zu den einzelnen Werken, sondern auch viel über die wechselvolle Geschichte des Landes. Eine sehr intime, sehr persönliche Art, großen Werken aus verschiedensten Jahrhunderten zu begegnen.

Kunst lässt sich in Vilnius aber auch unter freiem Himmel genießen: Die auf einem weitläufigen Industriegelände beheimatete „Open Gallery“ präsentiert neben großflächigen Wandmalereien, gesprayten Gemälden, Skulpturen und Installationen auch Veranstaltungen mit nichtkommerzieller Filmkunst. Kunst ist hier wirklich allgegenwärtig, vom Industriekeller bis zum Dach der Fabrikhallen wird alles als Ausstellungsfläche genutzt. Und zwischen den Besuchergruppen verladen Speditionsunternehmer ihre Ware: eine fantastische Kulisse. Auch im Garten des „Uzupis Art Incubator“ sind Kunstwerke zu sehen. Das Projekt ist eine Begegnungsstätte für Kunstinteressierte. Künstler aus der ganzen Welt leben und arbeiten hier zusammen in einer Art Kommune. Einen Teil ihrer neuesten Arbeiten zeigen sie im Sommer auch draußen. Legendär sind die monatlich hier stattfindenden Feste. Für Kunstliebhaber ist der „Art Incubator“ eine tolle Gelegenheit, sich direkt mit den Künstlern auszutauschen oder ihnen sogar bei der Arbeit zuzuschauen.

Eine gute Übersicht über moderne litauische Kunst bietet das Contemporary Art Centre. Das CAC zeigt zeitgenössische Werke im globalen Kontext und hat sich in den letzten Jahren zum wichtigen Motor für die Verwirklichung kreativer Ideen von Künstlern und Kuratoren entwickelt. In diesem Jahr feiert außerdem einer der bedeutendsten Kunsttreffs das Jubiläum seines 10-jährigen Bestehens: die ArtVilnius. Vom 30. Mai bis zum 2. Juni hat sie im Ausstellungs- und Kongresszentrum Litexpo ihre Pforten geöffnet. Über 65 Galerien und 300 Künstler sind allein in diesem Jahr beteiligt. Neben Galerien aus den baltischen Ländern und der Ukraine präsentieren sich auf der ArtVilnius’19 aber auch Aussteller aus Deutschland, Dänemark, Italien und Österreich.

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