Kommentar Dr. Ulrich Stephan | 29.04.2019

Ein Investment in das Wachstumszentrum

Die Schwellenländer bleiben wichtige Treiber des Weltwirtschaftswachstums. Niedrige Zinsen und ein stabiler US-Dollar sollten sie auf absehbare Zeit weiter stützen. Das gilt auch für Indien – wenngleich die anstehenden Parlamentswahlen zwischenzeitlich für Unruhe sorgen könnten.

Global betrachtet scheint sich der aktuelle Konjunkturzyklus zu verlangsamen: Die US-Wirtschaft verliert zunehmend an Dynamik, die Aussichten für die Eurozone wurden abermals nach unten korrigiert und aus Japan kommen schon seit Langem kaum positive Wachstumssignale. Dass der Internationale Währungsfonds (IWF) für das Jahr 2019 immer noch mit einem weltweiten Konjunkturplus von 3,5 Prozent rechnet, liegt daher vor allem an den Schwellenländern: Ihr Beitrag zum Weltwirtschaftswachstum könnte nach IWF-Berechnungen bis zum Jahr 2020 sogar auf rund 70 Prozent steigen. Das hat seinen Grund auch darin, dass sich trotz politischer Herausforderungen wie dem globalen Handelsstreit die Finanzkonditionen in den aufstrebenden Volkswirtschaften zuletzt insgesamt verbessert haben. Denn die Abkühlung der US-Konjunktur verbunden mit einer Zinspause der US-Notenbank Federal Reserve und einer weniger starken Weltleitwährung dürfte die Schwellenländer entlasten: Durch den geringeren Zins- und Währungsdruck aus den USA ist es vergleichsweise attraktiv, in Schwellenländer zu investieren. Zudem steigt die Last ihrer häufig in US-Dollar aufgenommenen Schulden nicht weiter an.

Konjunktur: Indien als globaler Wachstumsmotor

Abgesehen von den jüngsten Entwicklungen haben sich viele Schwellenländer in den vergangenen Jahren auch nachhaltig besser aufstellen können: Im Zuge abnehmender Leistungsbilanzdefizite reduzierten sich ihre Währungsrisiken, eine wachsende Mittelschicht und steigende Konsumausgaben sorgten für mehr wirtschaftliche Stabilität und ihre früher sehr hohen Inflationsraten bewegen sich seit Jahren in Richtung moderaterer Niveaus. Das gilt in besonderem Maße für Indien: Das nach China bevölkerungsreichste Land der Welt hat seit dem Amtsantritt seines reformfreudigen Ministerpräsidenten Narendra Modi im Jahr 2014 einen erstaunlichen Wandel durchlebt. Zwar konnte Modi längst nicht alle Wahlversprechen halten und einige seiner Maßnahmen waren umstritten – die Bargeldreform schien die indische Gesellschaft im Herbst 2016 sogar kurzzeitig zu lähmen. Das Land hat in den vergangenen fünf Jahren jedoch einen deutlichen Schritt nach vorne getan: Aktuell ist es laut Prognosen von Deutscher Bank und IWF mit einem erwarteten Wachstum von rund 7 Prozent pro Jahr die sich am schnellsten entwickelnde bedeutende Volkswirtschaft weltweit und dürfte Großbritannien damit zeitnah aus den Top 5 der größten Wirtschaftsmächte verdrängen.

Reformen: teilweise schmerzhaft, aber notwendig

Langfristig profitieren dürfte die indische Wirtschaft insbesondere von der 2017 eingeführten „Goods and Services Tax“ (GST), einer landesweit einheitlichen Umsatzsteuer, die das zuvor stark zergliederte Abgabesystem deutlich vereinfacht hat. Gleiches gilt für das biometrische Identifikationssystem „Aadhaar“ zur schnelleren Abwicklung unter anderem von privaten Kreditgeschäften, Geldtransaktionen und Steuerangelegenheiten. Das „Pradhan Mantri Jan Dhan Yojana“-Programm, das allen Indern Zugang zu Bankdienstleistungen ermöglichen soll, hat sich bereits ausgezahlt: Seit 2014 sollen allein dadurch mehr als 300 Millionen neue Bankkonten eröffnet worden sein. Auf einem Subkontinent wie Indien ziehen solche groß angelegten Reformen naturgemäß erhebliche strukturelle Anpassungsschwierigkeiten nach sich. Denn noch immer gibt es gewaltige Unterschiede etwa zwischen der Land- und der Stadtbevölkerung sowie den großen gesellschaftlichen und religiösen Gruppierungen. Diese Herausforderungen werden sich in den kommenden Jahren sicher nicht komplett lösen lassen. Umso wichtiger erscheint es für den Zusammenhalt und den wirtschaftlichen Fortschritt des Landes daher, dass die Reformpolitik weiter konsequent vorangetrieben wird – trotz zeitweiliger Hindernisse. Entsprechend hoch ist weltweit die Aufmerksamkeit für die im April und Mai stattfindenden landesweiten Wahlen. Rund 900 Millionen Inder sind in den kommenden Wochen aufgerufen, über ein neues Parlament und damit auch über die Politik von Narendra Modi abzustimmen. Obwohl das konservative Parteienbündnis des amtierenden Ministerpräsidenten zuletzt wieder an Boden gewinnen konnte, gilt der Ausgang des Urnengangs nach wie vor als völlig offen. Das sorgt aktuell für Verunsicherung hinsichtlich des zukünftigen politischen Kurses im Land. Denn für weitere notwendige Reformen wären stabile Mehrheitsverhältnisse wichtig. Aus Anlegersicht könnte das in Bezug auf den indischen Aktienmarkt bedeuten, kurzfristig etwas zurückhaltender zu agieren und zunächst den Wahlausgang abzuwarten. Langfristig erscheint das Land – entweder als eigenständige Depotbeimischung oder im Rahmen eines diversifizierten Schwellenländerinvestments – für entsprechend risikobereite Investoren jedoch weiterhin als eines der interessantesten Ziele weltweit. Nicht zuletzt, weil auch die Fundamentaldaten überzeugen können: Die Analystengemeinde rechnet für 2019 mit Gewinnsteigerungen im indischen Leitindex Sensex von rund 25 Prozent. Die Zuversicht der Marktteilnehmer spiegelt sich auch in einem erhöhten Bewertungsniveau wider: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt mit 18,3 über dem Schnitt der vergangenen zehn Jahre. Zu beachten ist dabei – wie bei jedem Schwellenländerinvestment –, dass größere Kursschwankungen auch am indischen Aktienmarkt jederzeit möglich sind.

USA stabil, Europa mit niedriger Bewertung

Im laufenden Jahr könnten US-Aktien gegenüber europäischen Papieren in Sachen Stabilität und Wertentwicklung also wieder einmal die Nase vorn haben. Das bedeutet jedoch nicht, dass Europas Aktienmärkte keinen näheren Blick wert sind. Im Gegenteil: Noch immer sind Aktien im Stoxx 600 vergleichsweise günstig bewertet. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis basierend auf den Gewinnerwartungen für die kommenden zwölf Monate liegt derzeit unter 14. Auch sollte man die im Vergleich zu den USA deutlich höheren europäischen Dividendenzahlungen berücksichtigen. Im Durchschnitt erwarten die Analysten für 2019 im Stoxx 600 eine Dividendenrendite von 3,9 Prozent. Und schließlich macht selbst das erwartete Gewinnwachstum, trotz der weit auseinanderliegenden Einzelprognosen, Hoffnung: Zwar ging es zuletzt zurück, ist aber nach wie vor positiv – was insgesamt die Basis für steigende Aktienkurse bildet.

Breit streuen – beiderseits des Atlantiks

Die Deutsche Bank zählt folgerichtig die USA und Europa zu interessanten Zielen für Aktieninvestoren. Im Portfoliokontext könnte sich entsprechend risikobereiten Anlegern daher eine breite Streuung unter anderem über diese beiden Anlageregionen anbieten. Für offensive Anleger mit Vertrauen in die kon­junkturelle Entwicklung könnten neben den Global Playern auch Wachstumswerte aus der zweiten ­Reihe aussichtsreiche Investments darstellen.

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