Serienfieber im Heimkino | 21.02.2019

Stream & Snack

Die Zeiten, in denen die Gemeinheiten von „Dallas“-Bösewicht J.R. Ewing vom Vorabend für Gesprächsstoff auf Schulhöfen und in der Mittagspause sorgten, sind längst vorbei. Das Internet hat die Fernsehlandschaft und das TV-Verhalten tiefgreifend verändert – Streaming ist in die Pantoffelkinos eingezogen. Der Boom hat erst angefangen und eröffnet Anlegern neue Chancen.

Allenfalls ein besonders spannender „Tatort“ oder sportliche Großereignisse vermögen noch eine Ahnung der identitätsstiftenden Kraft, die das Fernsehen in früheren Jahrzehnten besaß, zu vermitteln. Dabei verbringen viele Menschen heute mehr Zeit vor dem Bildschirm als in der Vergangenheit. Es gibt aber nicht nur deutlich mehr Sender als in früheren Jahrzehnten, das TV-Verhalten hat sich generell und grundlegend geändert. Auch auf der Produzentenseite hat es einen Paradigmenwechsel gegeben. Während sich die klassischen Sender immer mehr auf Koch-, Casting- oder Quizshows konzentrieren, kommen qualitativ hochwertige Neuproduktionen im Spielfilm- oder Serienformat vermehrt von Streaminganbietern.
Diese profitieren vor allem von steigenden Internet-Bandbreiten, die das Übertragen von Inhalten im Ultra-HD- oder 4K-Format erlauben. Die so möglichen Bildschirmauflösungen von bis zu 2160 Pixeln liegen über denen, die mit physischen Datenträgern wie Blu-Ray möglich sind. Anders als bei klassischen Pay-TV-Sendern ist zudem keine Decoder-Hardware mehr nötig, da moderne Fernseher bereits ohnehin seit einigen Jahren über die benötigten Smart-TV-Funktionalitäten verfügen. Dazu kommt die Kundenfreundlichkeit der Plattformen, denn in der Regel kann bereits Sekunden nach der Anmeldung losgestreamt werden. Ein weiterer wichtiger Faktor für viele Nutzer ist, dass sie nicht auf ein einziges Endgerät beschränkt sind: Ein Film, der auf dem Wohnzimmer-TV begonnen wurde, kann während der Dienstreise im Hotel auf dem Tablet fortgesetzt und am nächsten Tag auf dem Rückweg in der U-Bahn auf dem Handy beendet werden.

Streamingmarkt soll zulegen

Leidtragende des Streaming-Booms sind die Kinos: Nur noch 105 Mio. Besucher fanden im vergangenen Jahr den Weg in die fast 1200 Lichtspielhäuser der Republik – fast 14 Prozent weniger als im Jahr davor. Allerdings war 2018 ein Jahr mit einer Fußball-WM und einem langen und heißen Sommer.
Das Research-Haus Technavio rechnet damit, dass der Markt für Video on Demand bis 2023 um durchschnittlich 11 Prozent pro Jahr wachsen wird. Für 2019 wird von einem weltweiten Marktvolumen von 26 Mrd. Euro ausgegangen. Allein im eher innovationsskeptischen Deutschland sollen dann insgesamt über 1,4 Mrd. Euro mit Videostrea-ming umgesetzt werden.

Platzhirsch netflix

Bekanntester Streaminganbieter ist das amerikanische Unternehmen Netflix. Mit weltweit 148 Mio. Abonnenten und einem Umsatz von fast 16 Mrd. Dollar im vergangenen Jahr ist es die klare Nummer eins. Besondere Bedeutung kommt bei einem Abonnementdienst der Zahl der Abonnenten zu: Und die ist 2018 noch einmal kräftig gestiegen. Im Schlussquartal fiel das Wachstum mit 8 Prozent sogar besonders deutlich aus. Entscheidend für den Erfolg sind natürlich die verfügbaren Filme und Serien. Hier setzt Netflix vor allem auf aktuelle Serienproduktionen und eine Auswahl hochwertiger Filme und versucht nicht, das Angebot durch Billigproduktionen künstlich aufzublähen. Zahlreiche Kassenschlager der jüngeren Vergangenheit wie „Avatar“, „Der Marsianer“ oder „Interstellar“ gehören ebenso dazu wie Erfolge aus den 80er- und 90er-Jahren, etwa „E.T.“ oder die „Indiana Jones“-Serie. Dazu kommen fremdproduzierte Serienhits wie „Mad Men“, „Breaking Bad“ oder „The Walking Dead“. Zwar liegt der Schwerpunkt durchaus auf aktuellen, eher actionlastigen Produktionen, aber dass Romantik-Komödien wie „Tatsächlich ... Liebe“, Sozialdramen wie die Hebammen-Serie „Call the Midwife – Ruf des Lebens“ oder anspruchsvolle Krimis wie „Broadchurch“ oder „Happy Valley“ in der Minderheit wären, kann auch nicht behauptet werden.
Vor allem sind es Netflix-Eigenproduktionen, die die Kunden bei der Stange halten und neue anlocken: Das Politdrama „House of Cards“, die Gefängnisserie „Orange Is The New Black“ oder die Retro-Monster-Saga „Stranger Things“ bescherten Netflix nicht nur kommerziellen Erfolg, sondern auch viel Anerkennung von Kritikerseite. Daneben gibt es auch etliche Dokumentationen wie das bildmächtige „Chef’s Table“ oder den Interviewfilm über Rolling-Stones-Gitarrist Keith Richards. Sogar kontroverse Themen werden nicht umgangen.
Wie kaum ein anderer Anbieter hat Netflix verstanden, dass Qualität bei Story, Produktion und Besetzung langfristigen Erfolg bringt. Entstprechend hoch sind die Budgets für Neuproduktionen: 2018 waren es nach Schätzungen 13 Mrd. Dollar – deutlich mehr als jedes Filmstudio ausgegeben hat.

Chart Netflix

Express-Zertifikat auf Netflix
WKN DB9URK
Name Netflix Inc. Express-Zertifikat
Brief 105,78 USD
Laufzeit 17.11.2023
Stand 20.08.2019 18:37:51 Quelle: Deutsche Bank AG

„And the oscar goes to ...“

Wer erwartet, dabei ausschließlich mit amerikanischer Einheitsware abgespeist zu werden, täuscht sich. Netflix setzt verstärkt auf lokale Produktionen. Deutschland ist beispielsweise durch die Serien „Dark“ und „Dogs of Berlin“ vertreten. 2019 sollen fünf weitere Serien sowie drei Filme hinzukommen. Diese sind dann auch in anderen Märkten, sogar in den in dieser Hinsicht notorisch schwierigen USA, zu sehen. Dass das ein Erfolgsrezept sein könnte, beweist „Roma“, ein von Netflix produzierter mexikanischer Film. Dieser wurde nicht nur bereits bei den Filmfestspielen in Venedig mit dem „Goldenen Löwen“ ausgezeichnet, sondern auch für gleich 10 Oscars nominiert – darunter der besonders begehrte für den besten Film.

branche im wandel

Allein das zeigt, wie sehr Netflix dabei ist, auch die Filmindustrie umzukrempeln. Während gerade europäische Regisseure und Produzenten oftmals auf öffentliche Fördergelder und entsprechend komplizierte Vergabeprozesse angewiesen sind, scheint bei Netflix und den anderen Anbietern mehr Mut zum Risiko vorzuherrschen. In rein wirtschaftlich orientierten Unternehmen werden offenbar Entscheidungen schneller getroffen als bei öffentlich-rechtlichen Geldgebern. Für die eigenen Produktionen wie für den Kauf von Rechten an Fremdproduktionen braucht Netflix Geld. Im Januar hatte der Konzern daher verkündet, die Preise für seine US-Kunden um durchschnittlich 15 Prozent zu erhöhen. Damit sollen geschätzte Mehreinnahmen von 1,4 Mrd. Dollar pro Jahr generiert werden. Die Netflix-Aktie schickte diese Ankündigung erst einmal auf Talfahrt. Den Kursverfall von 10 Prozent hat sie inzwischen aber wieder wettgemacht, auch wenn das Papier von seinem Höchststand bei 419 Dollar, den es im Juli letzten Jahres erreichte, weit entfernt ist. Wie praktisch alle Tech-Werte hatte auch Netflix im vierten Quartal deutlich nach unten korrigiert.

die giganten kommen

Dass Streaming ein Wachstumsmarkt ist, haben natürlich längst auch andere Anbieter erkannt, darunter solche Giganten wie Amazon oder Alphabet, die beide jedoch gänzlich andere Konzepte als Netflix verfolgen. So hat Alphabet auf seiner kostenlosen Videoplattform YouTube einen Online-Store integriert, in dem Spielfilme, aber auch Serien-Hits wie die Fantasy-Saga „Game of Thrones“ erworben werden können. Besonders clever: Dabei handelt es sich nicht um einen separaten Store, sondern die Inhalte werden einfach bei den Suchergebnissen mit angezeigt. Mit YouTube Premium setzt Alphabet dagegen auf das Abo-Modell: Für eine monatliche Gebühr genießen Kunden nicht nur ein komplett werbefreies YouTube – die oben genannten Kaufvideos ausgenommen –, sie erhalten auch Zugang zu YouTube-Eigenproduktionen und können diese und alle anderen Inhalte herunterladen und offline schauen, was sonst nicht möglich ist. Zwar ist die Anzahl der exklusiven Produktionen derzeit noch überschaubar, ein Vorteil für Alphabet ist aber, dass YouTube die ideale Plattform darstellt, mit Ausschnitten oder Trailern ein Produkt zu bewerben. Wie Inhalte in einer Suchmaschine besonders gut platziert werden, weiß die Google-Mutter ohnehin. Ebenfalls enthalten ist Music ­Premium, ein Dienst, der ähnlich wie Spotify (s. gegenüber) das Streamen von Musik ermöglicht.

Discount-Zertifikat auf Alphabet
WKN DS379M
Name Alphabet Inc. Class C Discount-Zertifikat
Brief 883,99 EUR
Cap 1000,00
Laufzeit 19.12.2019
Quanto
Stand 20.08.2019 18:37:51 Quelle: Deutsche Bank AG

natürlich ist amazon auch dabei

Bei den guten Aussichten für den Streamingmarkt und den erwarteten wachsenden Nutzerzahlen und Umsätzen ist es kein Wunder, dass auch der Onlinehandelsriese Amazon im Streaminggeschäft aktiv ist. Der Videodienst Prime Video bietet eine Mischung aus Abonnement-Inhalten und einem Onlineshop. Anders als bei Netflix sind die Inhalte hier deutlich gemischt. Neben aktuellen Hollywood-Blockbustern und populären Serien wie dem Geheimdienstdrama „Homeland“ oder der Zeitreisen-Romanze „Outlander“ gibt es bei Prime Video auch ein breites Angebot älterer Spielfilme und Serien – Schwarzweißstreifen und B-Movies sind hier jedenfalls deutlich häufiger anzutreffen als bei Netflix. Aber natürlich haben auch diese eine Fangemeinde. Schließlich eignen sich verregnete Sonntagnachmittage ideal dazu, mit Louis-de-Funès-Komödien oder den „Winnetou“-Filmen Jugenderinnerungen aufzufrischen. Selbstverständlich steht den Abonnenten des Dienstes auch eine Menge jüngerer Kassenschlager wie der Animationsfilm „Minions“ oder die „Hobbit“-Trilogie zur Auswahl bereit. Auch Amazon setzt auf hochwertige Eigenproduktionen wie die hochgelobte Serie nach dem Dystopie-Klassiker „The Man in The High Castle“ oder die Comedyserie „Pastewka“. Amazons „Königstransfer“ in dieser Hinsicht war sicherlich „Grand Tour“, eine mit großem Budget bildgewaltig inszenierte Autoshow mit vielen Comedyelementen und politisch unkorrekten Aussagen von Starmoderator Jeremy Clarkson. Der Nachfolger von „Top Gear“, der lange Zeit erfolgreichsten Fernsehsendung der Welt, hat Prime Video viel mediale Aufmerksamkeit und viele neue Mitglieder beschert.

Chart Amazon

Discount-Zertifikat auf Amazon
WKN DC0QVY
Name Amazon.com Inc. Discount-Zertifikat
Brief 1143,52 EUR
Cap 1300,00
Laufzeit 19.03.2020
Quanto
Stand 20.08.2019 18:37:51 Quelle: Deutsche Bank AG

komplettes ökosystem

Dabei ist Prime Video nur ein Teil von Amazons Prime-Angebot, das die versandkostenfreie Lieferung von Amazon-Paketen sowie den Musikstreamingdienst Prime Music umfasst. Deutlich erkennbar ist Amazons Strategie, Kunden mit einem Komplettangebot aufeinander abgestimmter Inhalte über viele verschiedene Medien hinweg an sich zu binden. Kunden, die beispielsweise von einer Literaturverfilmung, die sie im Kino gesehen haben, so begeistert sind, dass sie das „Buch zum Film“ lesen möchten, sollen dies möglichst per Amazon-E-Book auf Amazons E-Book-Reader Kindle oder per App auf dem Fire Tablet – natürlich ebenfalls von Amazon – tun. Kaufen sie dazu das Hörbuch bei der Amazon-Tochter Audible, können sie im Auto dort weiterhören, wo sie zu lesen aufgehört haben. Wollen sie die Filmmusik zuhause auf dem Sofa genießen, genügt ein Zuruf an Amazons Echo-Lautsprecher und die Spracherkennungssoftware Alexa ruft das entsprechende Album bei Amazons Musikstreamingdienst ab, spielt es, wenn gewünscht, im ganzen Haus und dimmt dazu das Licht im Wohnzimmer. Wollen Kunden den Film für zuhause kaufen oder sind neugierig auf weitere Filme des Regisseurs, genügt auch hier ein Zuruf an Alexa und schon wird das Gewünschte entweder über Amazons Fire TV oder die integrierte Amazon-App des Fernsehers auf dem TV angezeigt und kann gekauft werden. Ist der Fernseher zu alt oder zu klein, kann Alexa natürlich Ersatz von der Amazon-Website vorschlagen. Dass Amazon Mitte Februar den Router-und WiFi-Spezialisten Eero übernahm, kann da nur wenig überraschen.

Neueinsteiger Apple und walt Disney

Die Konkurrenz auf dem Streamingmarkt ist groß: Die Telekom, Maxdome, Sky, Hulu, Rakuten TV (eine Tochter des japanischen E-Commerce-Riesen Rakuten) sind nur einige der Marktteilnehmer, die für starken Wettbewerb in der Branche sorgen. Der wird künftig sogar noch schärfer werden, denn mit Apple und Walt Disney stehen zwei der ganz Großen der Unterhaltungsindustrie kurz davor, eigene Streamingplattformen anzubieten.
Bereits im April, so wird spekuliert, könnte Apple mit einem eigenen Streamingangebot online gehen. Das Unternehmen, so Insider, habe viel Geld in die Hand genommen und sei mit Hochdruck dabei, eigene Inhalte zu produzieren. Ob sich die Ende letzten Jahres aufgekommenen Gerüchte, der Service werde für Besitzer von Apple-Geräten kostenlos sein, tatsächlich bewahrheiten, wird sich zeigen. Dagegen sprechen Kannibalisierungseffekte, die Apples iTunes Store zu schaffen machen könnten, und die Tatsache, dass sich das Unternehmen Inhalte wie sein Musikstreamingangebot Apple Music bislang bezahlen ließ.

Chart Apple

Discount-Zertifikat auf Apple
WKN DC0QYT
Name Apple Inc. Discount-Zertifikat
Brief 106,48 EUR
Cap 120,00
Laufzeit 19.03.2020
Quanto
Stand 20.08.2019 18:37:52 Quelle: Deutsche Bank AG

Dass Apple-Chef Tim Cook jüngst angesichts nachlassender Umsätze Preissenkungen auf dem chinesischen Markt nicht mehr ausschließen wollte, könnte für einen Wandel in der Unternehmensstrategie sprechen. Wäre der neue Service tatsächlich kostenlos für Apple-Besitzer, hätte der neue Streamingdienst auf einen Schlag Millionen von Mitgliedern und könnte Apple dabei helfen, die zuletzt schwächelnden iPhone-Umsätze wieder anzukurbeln. Nicht nur das (wieder) wertvollste Unternehmen der Welt will ins Streaminggeschäft einsteigen, auch die Walt Disney Corporation, der weltweit größte Medienkonzern, will unter dem Label Disney+ künftig ebenfalls mitmischen. Die Voraussetzungen dafür sind denkbar gut, denn Disney verfügt über einen gigantischen Backkatalog und über außerordentlich populäre Marken mit Präsenz in praktisch allen Kinderzimmern. Zu Klassikern und Neuproduktionen der Disney-Studios wie „Frozen“ oder „Mary Poppins’ Rückkehr“ und Pixar-Filmen wie „Findet Nemo“ kommen die Rechte an „Star Wars“, an Comic-Adaptionen wie der „Spider Man“-Serie ­sowie, nach der zur Jahresmitte erwarteten Übernahme von 21st Century Fox, weitere Inhalte. Dem Vernehmen nach werden die monatlichen Kosten unter denen für Netflix liegen – im September soll es in den USA so weit sein. Wann der Dienst nach Deutschland kommt, ist, ebenso wie bei Apple, unklar. Disney könnte aber auch aus einem ganz anderen Grund die Branche aufmischen. Niemand sonst versteht es so gut, Filme, Figuren und Geschichten mit eigenen Themenparks wie Disneyland und zahlreichen Lizenzprodukten weltweit buchstäblich greifbar zu machen und damit Geld zu verdienen. Dieses Jahr könnte die Streaming-Landschaft nachhaltig verändern und den Anbietern weiteren Schub verleihen – für Anleger vielleicht genau der richtige Zeitpunkt, um in diesen Wachstumsmarkt einzusteigen.

Chart Walt Disney

Discount-Zertifikat auf Walt Disney
WKN DC0R33
Name Walt Disney Co. Discount-Zertifikat
Brief 85,75 EUR
Cap 98,00
Laufzeit 18.06.2020
Quanto
Stand 20.08.2019 18:37:52 Quelle: Deutsche Bank AG
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