Kunstwelten: Bangkok | 25.10.2019

Thailands versteckter Kunstschatz

In der lauten und schrillen 11-Millionen-Metropole Bangkok hat sich in den letzten Jahren still und leise eine bedeutende Kunstszene entwickelt. Neben ­ einigen großen Kunstinstitutionen blühen vor allem die Galeristen-Szene und die Street-Art-Kultur auf.

Contemporary Art bringt man nicht unmittelbar und sofort mit Bangkok in Verbindung. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts entstand Kunst in Thailand ausschließlich als Auftragsarbeit und im Dienste der Religion. Die Mönche waren über Jahrhunderte die Meister und Lehrer der Kunstschüler. Der italienische Bildhauer Corrado Feroci durchbrach diese ausschließliche ­Tradition und etablierte im Jahr 1943 die erste Kunstschule des Landes, die spätere Silpakorn-Universität. In der Unigalerie, die direkt neben der alten Königsresidenz liegt, finden heute zahlreiche Vernissagen und Ausstellungen statt. Die Kunstszene gedeiht in der thailändischen Metropole im Verborgenen, jenseits der steinernen Monumente aus der Vergangenheit. In den letzten Jahren wirkten zahlreiche Neueröffnungen von Galerien, die Kunstinteressierten ein ständig wachsendes Angebot an Ausstellungen offerieren, wie ein Katalysator für die Kunstszene Bangkoks.

Wer genug Zeit mitbringt, hat hier die Möglichkeit, mit der lokalen Kunstszene direkt in Kontakt zu kommen. Für Kurzreisende sind allerdings drei Leuchttürme der thailändischen Kunst der geeig­netere erste Zugang. Unter ihnen strahlt das 2012 eröffnete Museum of Contemporary Art (MOCA) am hellsten. Es bietet den besten Überblick über die aktuelle Szene, denn praktisch alle bedeutenden noch lebenden thailändischen Künstler sind hier vertreten. Der Stifter des Museums machte sein Vermögen in der Telekommunikationsbranche und wollte einst selbst Kunst studieren. Das MOCA, ein Bauwerk ohne Fenster, wirkt von außen wie ein gigantisches Mausoleum. Davor ragen, mit ­Comicfiguren bemalt, die Stelen einer unfertigen Autobahnbrücke in den Himmel. Im MOCA selbst verteilen sich 800 Werke über fünf Etagen. Die thailändische Kunst folgte lange Zeit der Tradition, bis sie in den 1970er und 1980er Jahren geradezu in die Neuzeit katapultiert wurde. Die lokale Kunstszene ließ sich plötzlich von westlichen Künstlern inspirieren. Aber erst die letzten 20 Jahre brachten eigene Sichtweisen hervor, die sich unbelastet von europäischen Vorbildern manifestierten und eine eigenständige Thai-Kunst definierten.

Es ist faszinierend, den surrealistischen Themen zu folgen, die an den Wänden des MOCA dominieren. Gleich am Eingang werden die Besucher von einem Salvador Dalí aus Wachs empfangen, der sich vor einem Spiegel selbst malt. Ebenso aus einer anderen Welt sind Motive wie eine unbekleidete Frau im Hinterkopf eines Buddhas oder die fabelhaften Drachenwesen und Ungeheuer. Gerade bei diesen überzogenen Märchenbildern zeigt sich aber auch eine Verbindung asiatischer Themen mit europäischen Gestaltungstraditionen. So wirken in viele Werke Peter Paul Rubens’ Sinnlichkeit und Hieronymus Boschs Endzeitstimmungen hinein. Einige Werke erinnern mit ihrer gesellschaftskritischen Absicht sogar an Maler der berühmten Berliner Novembergruppe. Im Übrigen sind abstrakte Arbeiten mit großen Gesten zu sehen. Das Spannende ist, dass der Besucher nach dem Rundgang ein Gefühl für die Eigenständigkeit und die Nuancen der Thai-Kunstwerke bekommen hat – trotz der westlichen Einflüsse, die offensichtlich auf die Künstler einwirkten. Insofern ist der gigantische MOCA-Bunker eine wahre Erkenntnisschatztruhe der thailändischen Moderne.

Ein weiterer Hotspot für die lokale Kunstszene ist das BACC, das Bangkok Art and Culture Centre. Das staatliche Kulturzentrum ist der Treffpunkt für Kunststudenten und junge Kreative. Das geht auch auf die Beharrlichkeit einiger thailändischer Künstler zurück, die in den 1990er Jahren einen großen Ausstellungsraum für zeitgenössische Kunst forderten. Bis schließlich im Jahr 2009 die Türen des BACC öffneten, waren noch Jahre der unerfüllten Versprechungen und der Verzögerungen ins Land gegangen. Der lange, schließlich erfolgreiche Kampf der Kunstszene für die Eröffnung ist ein Grund, warum auch die Nachwuchskünstler heute so sehr am Art and Culture Centre hängen. Architektonisch erinnert das Museum an das New Yorker Guggenheim. Die wichtigsten Galerien befinden sich in den obersten Etagen. Darunter schlängeln sich Musikstudios, kleinere private Galerien, Art-Shops und Restaurants durch das runde Innere. Den besonderen Charme des BACC macht eigentlich genau dieses Sammelsurium aus, bei dem sich schwerlich ein wirkliches Konzept entdecken lässt. Wer der lärmenden Stadt für ein paar Stunden entfliehen will, findet hier aber auf jeden Fall einen Rückzugsraum, in dem es immer etwas Neues zu entdecken gibt: wechselnde Ausstellungen thailändischer Künstler, Events, neu eröffnete Art- und Design-Shops. Es ist ein lohnender Abstecher und eine Zuflucht inmitten des hektischen Bangkok.

Ein weiterer zauberhafter Ort ist das Artist House genannte, am Khlong Bang Lunag gelegene alte Teehaus, das von einer Künstlerfamilie bewohnt wird. Jeweils um 14 Uhr sind hier mit einer Puppenschau Szenen aus dem indischen Ramayana zu sehen. Die hier ausgestellten Kunstgegenstände kann man nicht nur kaufen, sondern man kann sich auch direkt mit den Künstlern austauschen. Zum Beispiel im oberen Stockwerk, von dem man einen wunderbaren Blick auf die auf dem Fluss vorbei­eilenden Boote hat. Eine skurrile Kulisse, die auch die Nachbarhäuser des 200 Jahre alten Teehauses dazu animiert hat, mehr Raum für Kunstliebhaber zu schaffen: die Geburt des Artist Village. Kunst unter freiem Himmel lässt sich in Bangkok aber nicht nur in den Gärten des Artist Village, sondern auch an vielen anderen Orten erleben. Denn auch wenn die 11-Millionen-Stadt nicht gerade fußgängerfreundlich ist: Thailands Kapitale ist eine Stadt der Straßenkunst. Eine der spektakulärsten Kulissen für Street-Art bietet die 1990 errichtete Skytrain-Strecke zum Don-Mueang-Flughafen, die wegen der Finanzkrise nie fertiggebaut wurde. Auf den rund 1000 Pfeilern sind nun die zum Teil schönsten Graffiti Bangkoks zu sehen. Aber es gibt noch zahlreiche andere Street-Art-Hotspots, über die gesamte Stadt verteilt. Das 1. Bukruk-Festival hat in Bangkok den größten Street-Art-Einfluss hinterlassen. Neben den Coco-Walk-Bars unterhalb der Skytrain-Station Ratchathewi ist eine große Sammlung, ebenso an der Hua-Chang-Saen-Saep-Kanalbrücke.

Entlang des Flusses Chao Phraya bzw. der Charoen Krung Road finden sich die Malereien des 2. Bukruk-Festivals. Besonders die Elefanten und die Konzentration nahe River City sind beeindruckend. Und auf dem Dach der Siam Square One Mall gibt es den Siam Green Sky Rooftop Park mit sehr viel Street-Art-Werken. Um die christliche Gemeinschaft nahe der Santa-Cruz-Kirche attraktiver zu machen, wurden einige Projekte ins Leben gerufen, in denen auch Graffiti-Werke entstanden. Auch entlang des Saen-Saep-Kanals lohnt es sich manchmal auszusteigen, etwa am Batcat Museum oder am Flugzeugfriedhof. Schließlich findet sich Street-Art auf den Hipster-Nachtmärkten JJ Green und Talad Rot Fai Ratchada. Und sogar ein Aufenthalt im Bangkoker Zoo hat etwas von einem Museumsbesuch: Die Außenwände der Anlage sind mit Tiermotiven verziert.

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