Kommentar | 27.09.2019

Was Niedrigzinsen langfristig für Anleger bedeuten

Weltweit rentieren immer mehr Anleihen negativ, Steigende Zinsen auf absehbare Zeit nicht zu erwarten, Positive Renditen durch breite Streuung im Portfolio möglich

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Wer Geld verleiht, erwartet in der Regel, dass er sein verliehenes Kapital nach einer bestimmten Zeit zurückerhält – plus einen Zuschlag, also einen Zins. Dieser bemisst sich nach verschiedenen Kriterien, zum Beispiel der Bonität des Schuldners: Je höher das Risiko, dass der Schuldner zum Ende der Laufzeit das geliehene Geld nicht zurückzahlen kann, desto höher der Zins.

Prämien für lange Laufzeiten – normalerweise

Ein weiteres Kriterium ist die sogenannte Zeitpräferenz. Sie berücksichtigt, dass die meisten Menschen sich ihre Wünsche sofort erfüllen wollen. Verleiht man sein Geld, statt sich zum Beispiel einen neuen Fernseher zu kaufen, erhält man vom Schuldner für seinen Konsumverzicht daher eine Entschädigung. Diese fällt umso höher aus, je länger der Verzicht andauert, da die allgemeine Marktentwicklung über einen größeren Zeitraum mit mehr Unsicherheiten behaftet ist. Aktuell liegen die Renditen langfristiger Rentenanlagen allerdings in vielen Fällen unter denen kurzfristiger Anlagen. In den USA beispielsweise rentieren 10-jährige Staatsanleihen niedriger als 3-monatige Papiere. Eine solche inverse Zinsstrukturkurve ist bereits in der Vergangenheit regel-mäßig beobachtet worden und gilt als normale Begleiterscheinung einer sich andeutenden konjunkturellen Abschwungphase, da diese klassischerweise mit sinkenden Zins- und Inflationserwartungen einhergeht. Neu ist jedoch, dass sich die Anleiherenditen dabei auf breiter Front im negativen Bereich bewegen – in Deutschland, wo das Ausfallrisiko von Staatsanleihen als besonders gering eingeschätzt wird, sogar fast über das gesamte Laufzeitspektrum hinweg. Nur 30-jährige Papiere rentieren aktuell leicht positiv.

Die möglichen Gründe für diese besondere Situation sind vielfältig:

Die expansive Geldpolitik: In der Eurozone und Japan zum Beispiel haben die Notenbanken ihre Leitzinsen nicht nur in den negativen Bereich abgesenkt – was sich dämpfend auf die Verzinsung kurzfristiger Staatsanleihen auswirkt –, sie haben auch erkennen lassen, diese auf absehbare Zeit dort belassen zu wollen. Das schmälert die Unsicherheit bezüglich der weiteren Zinsentwicklung. Die alternden Gesellschaften: In den reichen Industrieländern nimmt mit dem Anstieg des Durchschnittsalters auch die Sparneigung der Menschen zu. Das bedeutet: Statt zu konsumieren beziehungsweise zu investieren, wird mehr Geld für das Alter auf die hohe Kante gelegt. Das hat unter anderem Auswirkungen auf den „natürlichen Zins“, also jenen Zinssatz, der sich in einer vollbeschäftigten und inflationsfreien Volkswirtschaft ohne Beeinflussung durch Notenbanken ergäbe. Zwar sind die Höhe und die Möglichkeit eines sogar negativen „natürlichen Zinses“ unter Fachleuten umstritten – schließlich kann er nicht beobachtet, sondern nur geschätzt werden. Darüber, dass er in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten tendenziell gesunken ist, herrscht jedoch weitestgehend Einigkeit. Vereinfacht ausgedrückt bedeutet das: Der Transmissionsmechanismus „niedrige Leitzinsen – weniger sparen – mehr konsumieren – höhere Inflation – langfristig höhere Zinsen“ scheint nachhaltig gestört. Wenn dann auch noch, wie aktuell von einigen Marktteilnehmern angenommen, jüngere Menschen ihren Konsum zunehmend in die Zukunft verschieben, entfällt die Zinsprämie für lang laufende Anlagen vollends. Die gesunkenen Inflationserwartungen: Seit der Finanzkrise hat keine der bedeutenden Notenbanken ihr Inflationsziel über einen längeren Zeitraum erreichen können, trotz expansiver Geldpolitik. Eine plötzliche geldpolitische Straffung, und damit steigende Leitzinsen, erscheinen daher aktuell wenig wahrscheinlich. Grund für die verhaltene Preisentwicklung ist neben dem technologischen Fortschritt auch der durch die Globalisierung geschaffene Zugang zu Arbeitskräften in Niedriglohnländern. Darüber hinaus erscheint es fraglich, ob private Anleger und Verbraucher überhaupt so sensibel auf Inflationserwartungen reagieren wie allgemein angenommen. Neuere Studien lassen vermuten, dass Menschen in einer bestimmten Inflationsspanne – zum Beispiel zwischen -1 Prozent und +2 Prozent – ihr Investitions- und Sparverhalten gar nicht ändern. Das würde die mehr oder weniger willkürlich bei rund 2 Prozent festgelegten Inflationsziele der Notenbanken und ihre aktuelle Geldpolitik zusätzlich infrage stellen – allen voran die unkonventionellen Anleihekaufprogramme der Europäischen Zentralbank und der Bank of Japan.

Positive Renditen nur zu höheren Risiken

Insgesamt dürfte die aktuelle Lage am Rentenmarkt ein Zusammenspiel vieler Faktoren sein. Die Deutsche Bank geht davon aus, dass trotz einer möglichen leichten Normalisierung des Zinsniveaus die Anleiherenditen in Europa und Japan in absehbarer Zeit kaum signifikant positiv ausfallen dürften. Dennoch sind Anleihen je nach Risikoprofil des Anlegers ein wichtiger Bestandteil eines ausgewogenen Portfolios – hier spielen insbesondere Korrelationen zu anderen Anlageklassen eine Rolle. Renditemöglichkeiten könnten Anleger zum Beispiel auch mit Immobilieninvestments wahrnehmen. Eine Stufe höher, sowohl auf der Risiko- als auch auf der Renditeskala, stehen Aktien. Anleger mit entsprechender Risikobereitschaft und einem entsprechend langen Investmenthorizont könnten sich daher überlegen, verschiedene Anlagevehikel zu einem breit gestreuten Portfolio zu kombinieren. Mit Anleihen allein zumindest dürften sie langfristig wenig Freude haben.

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