Kunstwelten: Linz | 27.09.2019

Kunst zum Anfassen an der Donau

Die drittgrößte Stadt Österreichs wurde 2009 zur Kulturhauptstadt Europas ernannt. Über 68 Millionen Euro flossen damals in Kunst- und Kulturförderung. Das einstige Industriezentrum hat sich seither zu einem riesigen Freilichtmuseum für Kunst und Kunstevents entwickelt. Und die Ars Electronica feierte im September das Jubiläum ihres 40-jährigen Bestehens.

Interview

„Die Globalisierung hat einen gewaltigen Markt geschaffen“

Auf der Ars Electronica präsentierte Leonardo Lüpertz seine Kunst­handelsplattform „YAIR“. Im X-press-Interview äußerte er sich über den Wandel im Kunsthandel und die Bedeutung digitaler Kunst.

Lovis Leonardo Lüpertz

Es gab eine Zeit, da war Linz vor allem als Stahlstadt berühmt – und berüchtigt für seine schlechten Luftverhältnisse. Die Sensibilisierung für die Umwelt hat dazu geführt, dass die Luftbelastung heute in Linz kein Thema mehr ist. Und eine nachhaltige Schwerpunktsetzung auf Kunst und Kultur brachte der Landeshauptstadt von Oberösterreich ein ganz neues Image ein: der über Landesgrenzen hinweg strahlende Leuchtturm für Kunstfreunde und Avantgardisten. Das Open-Air-Festival Linzer Klangwolke, die Musikveranstaltungsreihe Brucknerfest sowie das Pflasterspektakel, ein Festival der Straßenkunst, trugen dazu bei, dass Linz im Jahr 2009 sogar Kulturhauptstadt Europas wurde. Mehr als 200 kulturelle Projekte wurden rund um dieses Ereignis gefördert. Heute hat sich die Stadt an der Donau zu einem urbanen Zentrum mit einem gewaltigen Angebot an kulturellen und künstlerischen Projekten und Institutionen gewandelt. Dazu kommen die klassischen Kunstmuseen und Galerien. Begehbare Installationen über den Dächern der Stadt oder Graffitiparks machen Kunst unter freiem Himmel in Linz erlebbar. Und der alte Industriecharakter der Stadt, der stets neben aufregenden Kunstprojekten durchschimmert, ist für Besucher besonders reiz- und eindrucksvoll. Der Weg zum offenen Kunsthaus führt durch die herrliche Altstadt, vorbei an architektonischen Schmuckstücken aus der Gründerzeit. Das Gebäude, das heute als Ausstellungsort dient, beherbergte früher eine Klosterschule. Über eine Million Besucher lockt das Format „Sinnesrausch“ inzwischen an. Das Besondere: Die ausgestellten Werke und Installationen von teilweise gigantischem Ausmaß sind begeh- und berührbar. So hat die taiwanesische Künstlerin Te-Yu Wang einen der Ausstellungsräume mit gelbem Stoff verhüllt, der durch Luftgebläse am Boden große Blasen wirft, durch die die Besucher hindurchschreiten können. Der „Tube“ ist eine weitere erlebbare Installation. Das Kletterlabyrinth wurde vom Kollektiv Numen/For Use entworfen. Um auf den Holzturm zu gelangen, muss man zunächst mehrere Meter über die verknüpften blauen Seile nach oben klettern. Am Holzturm wiederum ist ein riesiges Stahlschiff befestigt. Eine fantastische Struktur aus Seilen lässt den zwei Tonnen schweren und 21 Meter langen Koloss neben dem Holzturm scheinbar im Himmel schweben: Das Werk des ukrainischen Künstlers Alexander Ponomarev ist mit seiner Ausstellungshöhe von 81 Metern inzwischen schon zu einem Teil des Stadtbildes geworden. Die direkte Erlebbarkeit vieler Werke lässt auch an Kunst weniger Interessierte nicht kalt. Für Kinder sind einzelne Installationen sicher der perfekte erste Zugang zur Kunstwelt und hinterlassen bleibende Eindrücke. Ein anderer Ort, an dem Kunst nicht nur in geschlossenen Räumen ausgestellt wird, sondern integraler Bestandteil des städtischen Raums ist, findet sich im Hafenviertel. Die Ausstellungsflächen sind hier nicht Museumswände, sondern bis zu 40 Meter hohe Industriebauten. Im Mural Harbor kann man die Werke regionaler und internationaler Künstler bestaunen. Für viele Street-Art-Künstler sind offizielle Genehmigungen für ihre Arbeiten eigentlich ein Tabu, gehört doch die Illegalität mit zu ihrem Image. Wegen der Dimension und der Exklusivität haben beim Mural Harbor aber auch Größen der Szene ­zugesagt. Inzwischen finden sich in der öffentlich zugänglichen Galerie bereits über 300 Wandbilder. Und jedes Jahr kommt ein neues hinzu. Zum diesjährigen Saisonstart der Graffitigalerie fertigte der Münchner Künstler SatOne ein 100 Quadratmeter großes Bild. SatOne, der eigentlich Rafael Gerlach heißt, brauchte 30 Stunden, um sein Werk fertig­zustellen. Er sagt: „Meine Inspiration waren die umliegenden Gebäude und die einzigartige Kulisse.“ Eine auch wirtschaftlich bedeutsame Institution besteht in diesem Jahr schon vier Jahrzehnte: die Ars Electronica, deren Väter erkannten, dass das erwachende Computerzeitalter nicht nur technische, sondern auch kulturelle Umwälzungen zur Folge haben würde. Künstler, so ihre Grundidee, sollten dabei helfen, die gesellschaftlichen Umbrüche zu verstehen und positiv zu beeinflussen. In diesem Jahr kamen 1449 Künstler aus 45 Ländern zu diesem Festival nach Linz und über 110 000 Besucher trafen sich auf 548 Veranstaltungen und Einzelausstellungen – so viele wie nie zuvor. Neben dem im September stattfindenden Festival können Besucher aber auch ganzjährig das Ars Electronica Center besuchen. Wie das Festival versteht sich das Center als Plattform für die Verbindung und Interaktion von Kunst, Wissenschaft und Technik. Sein Leiter Andreas Bauer sagt: „Die Utopie hat uns eingeholt und die künstliche Intelligenz ist mitten unter uns. Nun geht es darum, den Besuchern zu vermitteln, wie mit den neuen Techniken umgegangen werden kann.“ Das Center deckt die ganze Bandbreite neuester Technologien ab, der Hauptfokus liegt aber auf künstlicher Intelligenz und Life Sciences. Einige der Ausstellungsstücke wurden sogar im eigenen Ars Electronica Futurelab entwickelt. So wie der Bechstein-Flügel, der nun ein Stück von Mozart im Stil von Chopin erklingen lässt. Exponate wie diese zeigen, wie künstliche Intelligenz bestimmte Vorgaben umsetzt. Und welche Auswirkungen – und auch Grenzen – dies im Rahmen künstlerischer oder musealer Gestaltung hat.

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