Kommentar | 22.08.2019

Industrie 4.0: die digitale Revolution

Am Ende war es ein knappes Rennen: Ein US-Provider hatte den Termin für die Freischaltung seines 5G-Ultrabreitbands heimlich eine Woche vorgezogen, um sich den Titel als weltweit erster Betreiber eines kommerziellen 5G-Netzes zu sichern

Industrie 4.0

Doch die südkoreanischen Konkurrenten bekamen Wind davon. Sie aktivierten ihre eigenen 5G-Dienste kurzerhand zwei Tage früher als geplant und hatten beim Start in den Massenmarkt Anfang April die Nase vorn – ebenso wie Südkorea bei der Netzabdeckung aktuell das Maß aller Dinge ist. Zeitgleich brachte ein Smartphonehersteller aus dem asiatischen Land das weltweit erste 5G-fähige Gerät auf den Markt.

Mittlerweile gibt es auch in den ersten deutschen Städten 5G-Netze für Privatanwender. Bis der Mobilfunkstandard die breite Masse der mobilen Netznutzer weltweit erobern wird, dürfte jedoch noch einige Zeit ins Land gehen. Das liegt zum einen daran, dass der flächendeckende Netzausbau in den meisten Ländern noch Zeit in Anspruch nehmen wird. Zum anderen daran, dass der Mehrwert zunächst geringer sein dürfte als beim Umstieg von 3G auf 4G (LTE), der das flüssige Streaming hochauflösender Videos auf Mobilgeräten ermöglichte. Eine Schlüsselrolle spielt 5G hingegen für die Wirtschaft – ein Grund, warum die Technologie auch beim Handelskonflikt zwischen den USA und China in den Fokus gerückt ist. Denn der Übertragungsstandard bildet die Grundlage für zukunftsweisende Anwendungen beispielsweise in den Bereichen künstliche Intelligenz, Big Data – also der Verarbei- tung riesiger Datenmengen – sowie dem „Internet der Dinge“, wie die Vernetzung von Maschinen und Gegenständen genannt wird. Diese Technologien gehören wiederum zu den wichtigsten Treibern der vierten industriellen Revolution, kurz Industrie 4.0: der intelligenten Vernetzung von Maschinen und der Optimierung von Prozessen mithilfe von Informations- und Kommunikationstechnologie. Für Unternehmen aus dem Verarbeitenden Gewerbe bieten Anwendungen aus dem Bereich Industrie 4.0 enormes Potenzial – beispielsweise für die Erhöhung ihrer Produktivität. Die Produktionsprozesse können mittels Sensoren bis ins Detail überwacht und die gewonnenen Daten dank lokaler 5G-Netze nahezu in Echtzeit übertragen und ständig analysiert werden. Auf diese Weise lassen sich blitzschnell Verbesserungsmöglichkeiten identifizieren. Die Vernetzung von Maschinen untereinander kann außerdem zur besseren Steuerung der Auslastung und Minimierung von Ausfallzeiten beitragen: Meldet beispielsweise ein Gerät Probleme, können die anderen sofort entsprechend reagieren und etwa ihre Geschwindigkeit anpassen. Im Bereich der Warenlogistik bieten sich ebenfalls zahlreiche Einsatzmöglichkeiten für die neuen Technologien. Maschinen können selbstständig melden, wenn sie neue Rohmaterialien benötigen, und autonom fahrende Vehikel für Nachschub sorgen. Die Vernetzung mit Zulieferern optimiert die komplette Lieferkette: Tritt im Produktionsprozess ein Problem auf, wird der Lieferant automatisch angewiesen, die Lieferung zu reduzieren oder zu verzögern. Industrie-4.0-Anwendungen können jedoch nicht nur bestehende Prozesse verbessern, sie ermöglichen auch komplett neue Geschäftsmodelle. Konsumenten und Produzenten beispielsweise dürften in Zukunft näher zusammenrücken. Individualisierte Produkte lassen sich dank größerer Flexibilität und modular aufgebauter Produktionslinien dann auch in kleinen Stückzahlen kostengünstig herstellen – etwa vom Kunden designte Turnschuhe, die auf seine persönliche Fußform angepasst sind.

Neben höherer Produktivität und neuen Geschäftsmodellen gehört auch die Reduzierung von Arbeitskosten durch die Substitution menschlicher Arbeitskraft zu den Potenzialen der Industrie 4.0 – zumal auch in bisherigen Niedriglohnländern das Lohnniveau steigt. Das gilt insbesondere für China, lange „Werkbank der Welt“ genannt: Lag der Industrielohn im Reich der Mitte 2006 noch bei durchschnittlich 18 000 Yuan jährlich – umgerechnet etwa 2300 Euro –, waren es 2018 bereits 70 000 Yuan (rund 9000 Euro). Wie sich die zunehmende Digitalisierung der Wirtschaft auf den Arbeitsmarkt insgesamt auswirken wird, ist noch unklar. Die Optimisten erhoffen sich vor allem einen Anstieg der Produktivität, während die Pessimisten eine technisierte Arbeitswelt befürchten, in der intelligente Maschinen den Menschen sukzessive ersetzen und ihn aus dem Arbeitsmarkt drängen. Einigkeit herrscht jedoch darüber, dass es in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zu einem tief greifenden Strukturwandel am Arbeitsmarkt kommen wird. Darüber hinaus sollte die fortschreitende Digitalisierung das seit Jahren stagnierende Potenzialwachstum stimulieren. Denn insbesondere in den Industrienationen werden Arbeitskräfte rarer und die Investitionen stagnieren. In diesem Umfeld ist der technologische Fortschritt eine der wenigen Möglichkeiten, das Potenzialwachstum zu heben.

Das Marktforschungsinstitut Zion Market Research geht davon aus, dass das globale Marktvolumen von Industrie-4.0-Anwendungen bis zum Jahr 2024 auf über 155 Milliarden Dollar steigen dürfte – mehr als eine Verdopplung im Vergleich zum Jahr 2017. Davon profitieren könnten Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen. Dazu gehören die Anwender, beispielsweise aus der Industrie, aber auch Technologieunternehmen aus den Bereichen Hard- und Software sowie Cybersicherheit. Im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung wird es für Unternehmen immer wichtiger, sich gegen Cyberkriminalität abzusichern. Denn im Falle erfolgreicher Hackerangriffe drohen Unternehmen nicht nur Produktionsausfälle oder der Verlust geistigen Eigentums, sondern auch Reputationsschäden – etwa beim Diebstahl von Kundendaten. Die Unternehmen investieren daher zunehmend in die Sicherheit ihrer digitalen Infrastrukturen: Die Unternehmensberatung Gartner rechnet damit, dass die weltweiten Ausgaben der Unternehmen für Cybersicherheit 2019 im Vergleich zum Vorjahr um 8,7 Prozent auf 124 Milliarden Dollar steigen werden. Für Anleger könnte der Bereich daher interessante Investmentziele bereithalten. Auch in herausfordernden Marktphasen könnten Aktien von Unternehmen, die von der fortschreitenden Vernetzung und Digitalisierung der Wirtschaft profitieren, für entsprechend risikobereite Anleger eine interessante Beimischung im Depot darstellen. Zwar weisen solche Titel kurzfristig ein erhöhtes Schwankungsrisiko auf – so wird beispielsweise für den Technologiesektor in Asien in den kommenden zwölf Monaten ein negatives Gewinnwachstum erwartet. In den USA und Europa ist der kurzfristige Ausblick jedoch positiver. Langfristig betrachtet dürften entsprechende Papiere ohnehin einen signifikanten Beitrag zum Renditepotenzial des Portfolios leisten können.

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