Kunstwelten: Medellín | 22.08.2019

Medellín – Geburt einer Kunstmetropole

Die kolumbianische Millionenstadt Medellín hat sich zur Vorzeigestadt Lateinamerikas gewandelt. Zu verdanken ist das auch der lokalen Kunstszene, die der Stadt ein neues Gesicht gegeben hat und Kunst- liebhaber aus aller Welt anlockt.

Interview

„Wir haben in den letzten vier Jahren mehr als 12 Millionen Dollar öffentlicher Mittel in die Kunstförderung investiert“

Medellín wandelte sich in den letzten Jahren zur trendigen Kunst- und Kulturmetropole. Im X-press-Interview verrät Federico Gutiérrez Zuluaga, Medellíns Oberbürgermeister, wie die Transformation der Millionen- Metropole gelang und spricht über die Kunst-DNA seiner Heimatstadt.

Federico Gutiérrez Zuluaga

Kolumbiens zweitgrößte Metropole wird wegen des ganzjährig freundlichen Klimas gerne „Stadt des ewigen Frühlings“ genannt. Den prachtvollen Blumen zu Ehren, die in den Bergen um Medellín gedeihen, wird hier alljährlich im August sogar ein eigenes Fest ausgerichtet: Zur „Feria de los Flores“ präsentieren die Züchter fantastische aus Blumen kreierte Kunstwerke. In voller Blüte steht seit einigen Jahren auch die Kunstszene Medellíns. Maler, Graffiti-Künstler und Musiker haben einen gewaltigen Anteil daran, dass Medellín zu einer Vorzeigestadt Lateinamerikas werden konnte – und zu einem touristischen Hotspot.

Nirgendwo ist der Wandel deutlicher zu spüren als in der „Comuna 13“. Das Viertel im Westen Medellíns galt früher als eines der gefährlichsten des Landes. Eine No-Go-Area, in der sich Gangs bekriegten, die ehemalige Guerillabewegung FARC ihre Kämpfer rekrutierte und Revierstreitigkeiten oft auch unbeteiligte Opfer forderten. Heute laufen Touristen durch die engen Gassen entlang der übereinander gebauten und bunt bemalten Wellblechhäuser. Sie sind auf Entdeckungstour durch eines der faszinierendsten Street-Art-Paradiese der Welt. Die „Casa de Hip Hop Kolacho“ ist der Treffpunkt der Graffiti-Künstler, Breakdancer und Musiker, die das neue Gesicht der „Comuna 13“ prägen. Jugendliche aus dem Viertel können hier erste künstlerische Erfahrungen sammeln. Ob Hip-Hop oder Malerei, die „Casa Kolacho“ ist in den letzten Jahren zu einer echten Künstlerschmiede geworden, von der das ganze Viertel profitiert. Inzwischen verbindet sogar eine Rolltreppe einzelne Straßenzüge.

Dem Charme der „Comuna 13“ kann man sich nicht entziehen. Auf einem Bummel erfährt man auch viel über die bewegte Geschichte der Stadt. Einige der Wandmalereien zeigen Elefanten. Die für ihr gutes Gedächtnis bekannten Dickhäuter sollen Bewohner des Viertels und auch die Besucher daran erinnern, dass dieses blühende Künstlerviertel nicht immer so fröhliche Zeiten gesehen hat. Die Stadtverwaltung sieht Künstler als Verbündete bei der Transformation von Medellín in eine der faszinierendsten Reisedestinationen der Welt. Fernando Botero, einer der größten südamerikanischen Künstler, schwärmt: „Das schönste, was mir passieren konnte war, hier meine eigene Welt schaffen zu können.“ Der für seine Darstellungen üppiger Proportionen bekannte Bildhauer und Maler schenkte seiner Heimatstadt 23 riesige Bronzefiguren. Mit ihnen gestaltete er die Plaza Botero zu einem riesigen Freilichtmuseum um. Es sind Werke zum Anfassen und zum Staunen, Werke, die Freude machen und niemanden kalt lassen.

Botero, der nach dem Willen seines Onkels eigentlich Stierkämpfer werden sollte, entwickelte seinen unverwechselbaren Stil Mitte der 1950er Jahre in Mexico. Botero: „Als ich das Loch in einer Mandoline bemalte, sah ich, dass es sehr klein war, und die Mandoline dadurch größer wirkte. Da sagte ich mir: Hier ist etwas geschehen.“ Diese künstlerische Initialzündung machte Botero zu einem der meistkopierten Maler der Welt und zu einem Nationalhelden. Zu seinem 80. Geburtstag 2012 widmete ihm das altehrwürdige „Museo de Antioquia“ eine große Werkschau. Daraufhin bedachte Botero das 1882 gegründete Museum mit der Schenkung seiner gesamten Serie von Gemälden und Zeichnungen seiner Skulpturen. Im Museumsbau sind heute neben der Botero-Dauerausstellung auf drei Etagen zahlreiche weitere Ausstellungsräume mit nationalen und internationalen Künstlern, eine Bibliothek sowie ein Restaurant untergebracht. Für Kunstfreunde bietet Medellín aber neben Kunstinstitutionen wie dem „Museo di Antioquia“ oder dem „Museo de Arte Moderno“ in einem ehemaligen Schmelzwerk im Viertel Ciudad del Rio eine stets wachsende und aufblühende Galerieszene. Zu den jüngsten Zugängen gehört der Kunstraum „Lokkus Arte Contemporáneo“ mit Werken lokaler und nationaler Größen wie Nicolás Gómez, Walterio Iraheta und Santiago Vélez.

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